Wed 14 Sep 2005
Der Mittwoch beginnt so wie der Dienstag aufgehört hat, mit Zahnseide nämlich. Jeder Ausländer benutzt hier manisch Zahnseide, denn es gibt wohl nichts schlimmeres als in China zum Zahnarzt zu müssen. Fred selbst hat mir seine Geschichte erzählt und ich wiederhole sie an dieser Stelle gern: Er hatte letztes Jahr eine üble Wurzelentzündung, der Gang zum Zahnarzt war also unvermeidlich, obwohl er lange Zeit damit wartete.
Auf dem Campus gibt es eine medizinische Station, aber niemand nutzt sie wirklich, hat einen schlechten Ruf. Fred guckte sich also um und erfuhr schließlich, dass es in Changsha einen privaten Zahnarzt gibt (Privatpraxen sind hier, aufgrund des Geldmangels, natürlich sehr rar gesät); immerhin anderthalb Stunden entfernt, doch die Schmerzen waren groß und so fuhr er also mit Begleitung los (ich hoffe, es ist klar geworden, dass man ohne chinesischen Begleiter völlig erledigt ist). In der Praxis wollten sie erst einmal ein Foto von ihm machen, mit dicker Backe halt: Marketing, kommt ins Schaufenster. Er willigt ein, ihm ist alles egal, alles.
Die Chinesen finden Spritzen übrigens schlimmer als alles andere und so verweigerten sie ihm eine Betäubung, gut. Eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung ist schon schrecklich genug, viel entsetzlicher, so Fred weiter zu mir, seien aber die Gummihandschuhe gewesen: Eine Chinesin hat die Operation gemacht und die Handschuhe hatten Normgröße, waren also viel zu groß für die kleinen Hände: Wenn sie ihm im Mund herumfuhrwerkte, kitzelten die überlappenden Gummifinger immer sein Zäpfchen, so dass er die Angst hatte, die Instrumente voll zu kotzen.
Mit aus diesem Grund nutzen wir alle die Zahnseide, ich morgens und abends, denn Zahnprobleme wären wohl tatsächlich die Hölle. Also schabte ich mir die Zahntaschen sauber und ging dann in den Unterricht, hatte aber keine Zigaretten mehr und kaufte also welche. Das klingt jetzt wie ein leichtes Unterfangen, doch das ist es ja nicht, hier ist nichts einfach: Ich hebe mir stets die alte Packung auf und zeige sie dem Verkäufer, zeige dann mit den Fingern, wie viele ich möchte. Beides wird meistens nicht verstanden und es muss ein weiterer Verkäufer geholt werden, der dann aus dem düsteren Hinterzimmer hervorkriecht, schweigend handelt und mich geringschätzig anblickt, auf meine Zeichen hin gar nichts macht, schließlich ein Päckchen Baisha-Zigaretten (so die Marke) hervorkramt, obgleich ich mit den Fingern zwei angezeigt habe und so geht das hin und her, bis ich schließlich dann irgendwann meine Kippen bekomme.
Ich verlasse den Laden und Alf wartet schon auf mich am verabredeten Standort, ich zünde mir eine Zigarette an:
- Zigaretten? Selbst gekauft?
- Jupp.
- Gut.
- Ich bin 31 Jahre alt, natürlich kann ich mir meine Zigaretten selbst kaufen … aber einfach ist es nicht. Ich muss immer eine alte Packung mitnehmen, denn sie verstehen es nicht, wenn ich Baisha sage.
- Sie sind einfache Leute. Ich verstehen sie auch nicht, weil sie reden einen … wie sagt man?
- Dialekt.
- Ja, sie reden einen Dialekt, den ich nicht verstehe, nicht richtig.
- Ja, China ist groß …
Das Problem ist, dass man sich nicht verständigen kann: Letztens kaufte ich Zigaretten und zahlte mit einem
10-Yuan-Schein, bekam nichts zurück, Es waren andere Zigaretten und ich hatte keine Ahnung, wie viel die kosten. Normal kostet ein Päckchen Baisha 5 Yuan, also vielleicht 50 Cent. Ich ging aus dem Laden, weil ich nicht diskutieren oder mich beschweren konnte. Aus diesem Grund kauft ja auch Alf auf dem Markt immer das Obst für mich ein (ich gehe derweil weit weg und tue harmlos), denn wenn ich es kaufen würde, wäre es doppelt so teuer: und man kann nichts dagegen tun, gar nichts. Die Chinesen reden einfach schnell und sehr laut, ignorieren dich irgendwann, Diskussion oder Beschwerden zwecklos.
Ich rauche also und wir gehen ins Institut, Landeskunde ist wieder dran, momentan mein Lieblingsfach. Wieder erkläre ich Föderalismus, Bundestag, Bundesrat und so weiter, wiederhole die letzte Stunde. Dann gehe ich einmal mehr in die Vollen, kann einfach nicht anders: ich wettere gegen Schröder, gegen die Linkspartei, erläutere Lafontaine und alles andere. Sie verstehen wohl wenig, vielleicht gar nichts. Aber immerhin sind wir an einer Uni, ich muss einfach etwas verlangen und auch erwarten können; zudem ist Politik schon seit längerer Zeit das Thema, über welches ich mich (außer Literatur natürlich) einfach viel zu sehr aufrege: ich kann dies in Landeskunde nicht einfach abstellen, könnte es vielleicht, wenn nicht am Sonntag die Wahl wäre, doch ich will den Studenten einfach diese Wahl erklären.
Sie informieren sich ja, schauen immer die deutsche Welle im Fernsehen, ein Spezialprogramm des Goethe-Instituts, verfolgen also die Wahl, haben auch alle das Duell gesehen und fragen mich danach:
Ich male Schröder und Merkel an die Tafel, zeichne um sie herum einen Fernseher, sage, dass dies nun das TV-Duell sei. Dann sage ich, dass Schröder währenddessen sagte, er liebe seine Frau:
- Warum hat er das wohl gesagt?
- (Schweigen)
- Weil es mit Politik zu tun hat?
- (Schweigen)
- Nein, weil es gut ankommt.
Ich wettere weiter, nehme die Wahlprogramme zur Hand, die ich ja gestern ausgedruckt habe, gehe sie durch, erläutere die Unterschiede der Parteien, erkläre die liberale Idee der FDP und so weiter; natürlich ist mir klar, dass ich viel zu viel verlange, aber letztlich ist es so, erkläre ich den Studenten:
- Ich weiß, dass ich schnell bin, zu schnell rede und zu anstrengend bin, aber sehen Sie das doch als Lob:
Ich finde einfach, dass es besser ist, den Unterricht ein wenig zu schwer zu machen; wenn es zu leicht ist, ist es langweilig und ein Kindergarten. Nein, ich will Sie ein wenig fordern …
Sie hören mir gelassen zu, bis nach der Pause wenigstens. Denn gleich nach der Pause gebe ich die Hausaufgaben auf. Es ist dies eine Idee, die ich gemeinsam mit Fred ersonnen habe: Fred kam gestern zu mir und fragte mich nach Dramen:
- Drama? Yeah?
- What Drama do you know?
Ich zögerte, weiß ja nie, was Fred jetzt wieder will. Doch er suchte einen Gegenstand für den Unterricht. Also
gingen wir die Dramen durch, Shakespeare, Albee und so weiter, sagten beide unisono, dass dies stupid shit sei. Also kamen wir auf die Idee, den Studenten selbst dramatische Aufgaben zu geben: Wir schreiben ein Problem an die Tafel und die Studenten müssen daheim in Gruppenarbeit ein Szenario entwickeln.
Also gab ich den Studenten die Aufgabe, sich in Zweiergruppen zu ordnen und einer ist für die vorgezogene Wahl, der andere dagegen; nun sollen die Argumente gebracht werden: beide Seiten versuchen sich also zu überzeugen.
Eine schwere Aufgabe und die Gesichter wurden lang und länger. So eine Unruhe hatte ich bisher noch nicht im Unterricht, aber wenigstens waren jetzt alle hellwach. Ich fragte, was das Problem sei und sie erklärten einstimmig, nicht zu wissen, was ich wollte. Also erklärte ich, warum ich gegen die Wahl bin und zeigte andererseits mögliche Gegenargumente auf, sagte dann:
- Und nun: Informieren Sie sich. Sie haben Internet, Sie haben die Deutsche Welle. Denken Sie nach und machen Sie Ihre Hausaufgaben.
Doch die Unruhe blieb bestehen. Bis ich schließlich eine Alternativaufgabe stellte: Die Studenten könnten auch darüber diskutieren, dass der eine zum Beispiel Grüne, der andere FDP wählt; nun müssen wieder Argumente gefunden werden.
Die Studenten waren wirklich fix und fertig, so schlimm, dass ich sie irgendwann beruhigen musste und sagte, dass es keine Noten auf die Hausaufgaben gebe und so weiter. Ich will einfach nur, dass sie nachdenken und eine eigene Meinung bilden: Es ist viel verlangt, klar, aber ich denke, man verlangt lieber zu viel als zu wenig, wirklich wahr.
Dann war die Stunde beendet und ich bin echt gespannt, was nächste Woche rauskommt: Ich sagte ihnen schon, dass sie dann jeweils nach vorne ans Pult müssen und laut ihr Drama aufführen müssen. Das wird sicherlich in die Hose gehen und sie hassen mich nicht unbedingt, können mich aber wohl nicht leiden; aber ich ja auch nicht da, um der beste Freund der Studenten zu sein, eher im Gegenteil …
Alf war ruhig, sichtlich erledigt von meinem Unterricht. Ich sei zu schnell, die Hausaufgaben seien schwer und so weiter; ich sagte wenig und wir gingen essen. Zum zweiten Mal esse ich eine Suppe als Vorspeise, in denen Algen oder Tang schweben: Sie schmeckt wie Meerwasser, brackig und so, wirklich widerlich, doch selbstverständlich würge ich sie runter (auch weil sich so viele Leute Sorgen über mein Gewicht machen).
Inzwischen ist die Hitze grundsätzlich unerträglich: Alles klebt an mir. Ich schwitze wie eine Sau und die Chinesen natürlich nicht, keine Spur, schlimm, man kommt sich vor wie eine verwöhnte Blondine in Ägypten …
Wir essen, gehen einkaufen und ich schleppe mich in die Wohnung. Fred liegt schon auf seinem Bett, wie tot; ich lege mich in meins, starre vor mich hin, schwitze. Wir Ausländer liegen in der freien Zeit meistens nur herum, ruhen und sind schlapp, wie ausgelaugt. Irgendwann stehe ich also auf, schleppe mich zurück, komme schweißnass an und mache Linguistik: Semantik. Ich sehe irgendwann an mir herab und mein Shirt ist nass. In der Pause schenken mir zwei Studentinnen eine Flasche Wasser: Ich muss ausgesehen haben wie der letzte Mensch. Ich trinke gierig, gehe zurück, setze mich neben eine Studentin:
- So, mit Semantik sind wir fertig. Machen wir was anderes, Spiele spielen oder so was.
- (ein Student nach einiger Zeit der Verwirrung) Wir müssen lernen.
- Nein, ich habe nichts mehr vorbereitet: Semantik ist fertig, mehr ist es nicht!
Größte Verwirrung. Aber ich habe wirklich nichts mehr vorbereitet und könnte mir natürlich was aus den Fingern saugen, aber ich denke, bei der Hitze kann man auch mal einfach was anderes machen. Doch es fällt niemanden etwas ein und so erkläre ich nach einiger Zeit, Fragen über Deutschland zu beantworten. Das zieht immer und es kommen die seltsamsten Fragen:
- Haben Sie auch den chinesischen Nationalfeiertag?
- Dann würde er deutsch-chinesischer Nationalfeiertag heißen …
Irgendwann ist die Stunde zu Ende und ich denke, dass es besser ist, immer Unterricht zu machen, denn hier kommen sie mit so etwas nicht zurecht, haben keine Ahnung, wie man sich das Leben schön machen kann. Also nächste Woche Morphologie und zwar unerbittlich …
Ich gehe heim und lege mich hin, denke mit Grausen an die Ausbildung der Lehrer: Ich muss einmal die Woche den Deutschlehrern zwei Stunden Unterricht geben, Fortbildung nennt man das hier. Ich habe jedenfalls zwei große Bier für danach gekauft …
Doch eine halbe Stunde vor dem ausgemachten Termin bekomme ich einen Anruf, die Absage. Ich bin erleichtert, ja, freudig erregt. Ziehe mich wieder um, denke ans Bier (das Bier schmeckt bei dieser Hitze natürlich ganz besonders gut …). Noch ein Anruf: Herr Tang will mich unbedingt sehen, er und Alf kommen bei mir vorbei und ist das in Ordnung?
- Klar … Freue mich …
Herr Tang ist natürlich Deutschlehrer und meine Vertrauensperson; leider hat er sehr viel zu tun und Alf ist seine Vertretung, ich selbst habe also meine Vertrauensperson noch nicht gesehen. Ich ziehe mich wieder um: eine lange Hose, Socken und so, was mich umbringt. Ich habe noch niemals zuvor soviel geschwitzt! Gesund ist das nicht!
Fred sagt, dass ich selbst wissen müsse, aber ich habe keine Ahnung, was genau er damit meint. Das ist manchmal so und da nicke ich dann immer nur, mache mich in mein Zimmer. Diesmal aber komme ich nicht soweit und Fred erzählt mir, er habe meine (!) Drama-Idee mit großem Erfolg ausprobiert: er schreibt also an die Tafel, dass die Tochter des Hauses schwanger ist und so weiter. Mutter, Vater und Tochter werden gespielt und die Argumente.
Es war sehr gut, meint er und ich beneide ihn, denn seine Studenten können sehr gut englisch sprechen, jedoch nehme ich mir, dies im Literaturkurs ab Oktober oft zu versuchen, vielleicht auch in Konversation nächste Woche, muss mal drüber nachdenken … ich finde es schon interessant, so etwas zu probieren. Selbstverständlich ist das Thema sehr heikel, man kann aber auch ein anderes finden, aber an sich finde ich diese moderne Sache sehr gut. Vielleicht auch: Die Tochter erklärt beim Mittagessen, nicht heiraten zu wollen. Oder: Deine Schwester erklärt dir, sie sei schwanger; was machst du? Wie reagierst du? Sagst du es den Eltern? Oder hältst du zu deiner Schwester und also den Mund?
Fred und ich werden sehr aufgeregt und überbieten uns mit Möglichkeiten, Vorschlägen: Jetzt macht es plötzlich Spaß das alles, das unterrichten: es ist gut, sehr gut, dass wir freie Hand haben und irgendwie finde ich schon, dass dies hier mein Ding ist. Ich unterrichte gern, keine Frage, nur nicht an einer Schule, ich brauche schlaue Leute, Leute, die mit mir zurechtkommen und mich wenigstens halbwegs verstehen, keine Kinder oder Idioten.
Und dann klopft Herr Tang an die Tür …





April 1st, 2006 at 2:46 pm
Hi!
Ich persönlich finde ja, es hört sich so an, als übertriebest Du es etwas mit den Hausaufgaben. Meines Wissens haben die Chinesen ganztags Unterricht (oder?), und da sind Hausaufgaben meines Erachtens wirklich nicht angebracht. Und dann auch noch welche, in die man richtig Zeit und Mühe investieren muss. Aber ich bin auch einerseits faul und andererseits nicht gerne unbeliebt…
Ach ja, ich habe auch gehört, Rauchen soll auch nicht gut für die Zähne sein…
Nichts für Ungut!
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Timo
Kommentar von Timo — September 15, 2005 @ 03:09
April 1st, 2006 at 2:46 pm
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Roman, wann führst Du denn endlich die Prügelstrafe ein? Zucht und Ordnung hat noch nie geschadet… denn was uns nicht tötet… oder mal einfach ne Backpfeife für die Lieben… man hat doch selbst schon viel einstecken müssen… aus dem TV dröhnt mir gerade der Lafontaine lautstark ins rechte Ohr, der alte Dämagoge (nimmt hoffentlich keiner übel…), der is klasse… schreib frisch weiter… die Bilder der Chinesinnen (die alle sehen wollen) sind weniger geworden und was für ein Bier ist das da in China? byebye
Kommentar von Sascha — September 15, 2005 @ 04:09
April 1st, 2006 at 2:47 pm
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Roman, der alte Heidsick in Bio, der hat früher immer mit dem Schlüsselbund geworfen, wenn die Schüler nicht bei der Sache waren. Lass Dir auch mal was einfallen. Keine Hausaufgaben sind inakzeptabel.
Kommentar von Administrator — September 15, 2005 @ 12:09