Irgendwann bin ich dann völlig erledigt und verschleimt, wahrscheinlich das Rauchen, denke ich und lege mich aufs Bett, stehe aber wieder auf. Im Internet erfahre ich, dass Türck nun frei ist und die SPD die Wahl wohl gewinnen wird. Ich glaube das auch so langsam, hatte es aber auch immer gesagt, immer und immer wieder; niemand wollte mir glauben. Aber gut, kann man nichts gegen machen, denn irgendwie ist es egal.

Früher, denke ich, früher warst du mal politisch interessiert, hast gern die Zeitung gelesen und hattest eine Art von Hochachtung vor der Politik, der Wirtschaft. Jetzt bist du nur noch zynisch und ein Stammtischtyp, nicht mehr und nicht weniger. Aber die Zeiten müssen schon hart sein, wenn auch die halbwegs Gebildeten in ihren Diskussionen dem Stammtisch näherkommen, doch letztlich ist das nur logisch, denn immerhin ist es ja, dass die Gebildeten zu einem großen Anteil die Arbeit des Stammtischs übernommen hat; der Studierte verkloppt Versicherungen, der Magister packt Geschenke ein: das wird wohl die Zeit kurz vor dem Bürgerkrieg sein, denke ich und schlafe ein, wache auf mit einer leichten Erkältung.

- I think I got a cold.
- Yeah, everybody gets that, every foreign teacher.

Das Problem ist einfach das Klima, das nun wirklich sehr fremdartig ist und dem man aber eben nicht entfliehen kann: es ist heiß und stickig, die Luft schmutzig und alles ist leicht feucht. Auch der Staub ist ein Problem, der sich in die Kehle setzt und sie austrocknet. Der Körper muss sich nun erst mal umstellen (zuerst der Magen, denn der leidet zuerst, dann ganz allmählich der Rest, bis man am Ende angepasst ist) und ich denke, nun beginnt dieses rapide Altern, von dem man ja immer hört, dieses Zerfallen in den Subtropen.

An diesem Morgen fällt mir ohnehin zum ersten Mal so richtig auf, dass ich mein Gesicht gar nicht mehr sehe, schon seit längerer Zeit keinen Bezug mehr zu meinem Gesicht habe. Es ist wegen der Spiegel, die ohnehin selten sind und zudem sehr tief hängen, meistens in Höhe meines Schritts. Egal, sage ich, konnte meine Hackfresse eh nicht mehr sehen, wirklich nicht. Doch jetzt schaue ich und sehe keinen Unterschied, sehe nur mehr Pickel, wahrscheinlich von der Hitze und dem Essen. Ich fotografiere mich und will so den denkbaren Verfall festhalten und dokumentieren.

Ich liege im Bett und will nicht aufstehen, möchte gern mal einen Tag rumhängen und einfach nur existieren, ohne Besuch, ohne Neuigkeiten, ohne chaotische Aktionen, könnte das jetzt mal gebrauchen.
Es ist 10 Uhr und das Telefon klingelt, Robert.

- Guten Morgen. Wir möchten nun vorbeikommen …
- Wer wir?
- Ich und die Studenten. Wir wollen an Ihre Wohnung.
- Nein. Ich bin eben erst aufgestanden und noch im Schlafanzug.
- Sie … was? Schlafen.
- Ja, ich schlafe noch.
- Ich verstehen Sie nicht.

Es geht noch so weiter, doch ich gebe nicht auf und beende irgendwann das Gespräch, will wenigstens heute meine Ruhe haben, verdammt, renne dann im Schlafanzug in die Küche.

- My pupils wanted to come to my flat.

Fred sitzt da, natürlich, und zwei Studentinnen. Sie erklären mir, dass heute Teachersday ist, ein Feiertag, an dem alle Lehrer mit Blumen beschenkt werden und so weiter. Jetzt sehe ich auch auf dem Tisch Blumen. Es ist ein chinesischer Brauch, den ich nun abgelehnt habe: ein schwerer Fehler. Doch ich hatte ja wieder einmal nichts gewusst, aber letztlich spielt dieses Nichtwissen hier nie eine Rolle … und entlastet mich nicht: Entweder man weiß es und macht mit, oder man weiß nichts und geht eben unter. Es kümmert sich hier ja niemand um einen, keiner da, der einem was erklärt, man hört immer nur Fetzen und muss sich um alles selbst kümmern.

Ich bin erledigt und ärgere mich über alles: Fred und zwei Studentinnen sind gut gelaunt (was ich hasse am frühen Morgen), ich fotografiere sie; sie gehen einkaufen.

Ich bleibe allein zurück und denke schon, dass ich gern mal ein wenig Zeit für mich hätte, time to rest also, eine Auszeit, in der ich nur rumhänge. Aber irgendwie scheint das nicht möglich, denn für 11 Uhr bin ich ja schon mit einer Kollegin verabredet, eine Deutschlehrerin also.

Sie kommt pünktlich und ich bin geduscht, rasiert nicht (viel zu faul momentan, warte mal, bis Beschwerden kommen und werde dann reagieren).

Wir gehen in die Hitze, stöhnen beide auf, gehen in ein Restaurant, essen wieder dieses scharfe Zeug, welches uns die Drüsen öffnet: Schweiß tropft mir aus allen Poren, die Nase läuft und überhaupt sitze ich dort wie festgenagelt, unfähig, mich zu rühren. Ihr geht es genauso und sie ist Chinesin: es muss also wirklich scharf sein, dieses Essen. Und eigentlich sollte ich die Finger davon lassen, doch, wie jeder schon mitbekommen hat, habe ich eine ausgeprägte Profilneurose und will also nicht als Memme erscheinen, esse tapfer diese Höllenglut mit: So etwas Scharfes habe ich noch nie gegessen und irgendwann schalteten meine Geschmacksnerven einfach ab.

Doch ich steige eindeutig in ihrer Gunst: es ist eben archaisch hier, keine Frage. Sie wird offener, redseliger. Ich sterbe zwar, habe aber ihre Hochachtung. Sie hasst Männer, die emanzipiert sind, sagt sie, ich nicke, kann ja gar nicht reden. Ich will was trinken, doch wieder warte ich; warte solange, bis sie schließlich aufspringt und zwei Dosen Cola kauft. Ich halte mich zurück, warte bis sie getrunken hat, öffne erst dann meine Dose, langsam, trinke einen winzigen Schluck, sehe aus den Augenwinkeln ihr Erstaunen und habe den Kampf wohl gewonnen.
Sie zahlt und wir gehen ein wenig spazieren, ich mache Bilder.

Es ist warm und drückend und wir gehen in die Wohnung, unterhalten uns über Hitler und die Folgen. Es ist interessant.

- Warum habt ihr Deutschen eine so tolerante Ausländerpolitik?
- Hitler.
- (Sie schaut verblüfft) Aber das ist 60 Jahre her.
- Es ist nie vorbei. Hitler ist immer da.
- Warum können die Deutschen Hitler nicht vergessen?
- Weil diese Schande uns für immer verfolgen wird, für immer.
- Schämst du dich?
- Wegen Hitler?
- Ja.
- Nein, ich habe damit gar nichts zu tun, wir alle haben damit nichts zu tun. Himmel, mein Großvater war Soldat und er ist 20 Jahre tot! Es ist
für uns erledigt. Aber unsere Politik vergisst es nicht, darf es nicht vergessen, daher unsere Ausländerpolitik.
- Ich finde eure Ausländerpolitik viel zu tolerant. Ihr seid zu tolerant.
- Finde ich auch, finden wir alle.
- Aber warum macht ihr es dann?
- Hitler.

Sie versteht es nicht. Ich sage, dass die Deutschen ein Trauma haben und sie schüttelt den Kopf, empfindet das alles als sehr blödsinnig, widersinnig. Sie sagt mir, dass sie nicht verstehen kann, dass wir von den Ausländern eben nicht verlangen, dass sie die Deutsche Sprache lernen müssen und so weiter. Auch dass wir so viele Ausländer reinlassen, ist ihr unverständlich. Sie vertritt, denke ich, eine undramatische und sehr rationale Meinung über dieses Problem, welches im deutschen Klima unmöglich durchzuhalten ist. Ich sage ihr, dass sie 10 Jahre in Deutschland leben müsste, um auch nur im Ansatz das Problem zu verstehen und nachvollziehen zu können.

- Hitler spielt in Deutschland immer noch eine große Rolle.
- Wirklich?
- Ja, er ist beinah jeden Tag im Fernsehen zu sehen.
- (Kopfschütteln) Ich finde das ja ganz gut, damit man nicht vergisst, doch es ist zu viel.
- Hast du von dem Mahnmahl gehört? In Berlin? Diese drei Fußballfelder Steine?
- Ja.
- Jetzt ist das dort in Berlin und die Berliner machen damit das einzige, was man wirklich damit machen kann: sie sonnen sich auf den Steinen.

Doch dann steht in der FAZ ein Leserbrief von einem Israeli, der sich darüber aufregt; weißt du, das ist alles ein Problem … soll man jetzt inmitten der Steine stehen und heulen?

- Ich verstehe das Problem gar nicht … die Israelis sind Schweine.
- O, sag das mal in Deutschland, dann wirst du gehasst. Möllemann hats versucht. Hast du das mitbekommen? Er hat sich umgebracht. Stoiber hats auch mal versucht, aber es dann lieber gelassen.
- Dabei hat Deutschland wirklich genug für Israel getan, mehr als genug. Es ist vorbei, denn es muss auch mal vorbei sein.
- Vielleicht in nochmals 60 Jahren, doch ich glaube es nicht. Schröder, das muss man ihm zugute halten, hat versucht, eine unverkrampfte Europapolitik zu machen, ohne Hitler und so, doch er ist gescheitert damit … weil die anderen Länder das natürlich auch nicht wollen.
- Warum? Warum Hitler nicht vergessen?
- Es wäre viel zu einfach. Wir haben Moral.

Wir schweigen und sie surft, ich fotografiere sie.

Dann fragt sie mich, ob ich Hund probieren möchte.

- Isst du Hunde?
- Ja, im Winter. Warum? Hast du was dagegen?
- Ich? Wieso, wir essen Kühe, da ist kein Unterschied.
- Willst du probieren?

Ich denke nach, denke an den Aufschrei daheim und so weiter.

- Natürlich möchte ich probieren, wenigstens mal probieren.
- Gut. Manchmal kannst du auf dem Markt blutige Hundekörper sehen.
- Möchte ich sehen. Aus dem Grund bin ja hier, um viel zu sehen …
- Gut.

Wieder einen Kampf gewonnen, denke ich und ärgere mich zugleich, da ich unmöglich das ganze Gespräch mitteilen kann: es ist einfach zu lang gewesen, zu interessant; sie ist clever, was selten genug der Fall ist. Doch ich habe das Gefühl, dass man sie erobern muss, die Chinesen allesamt; man muss auf irgendeine Art kämpfen, so dramatisch es klingen mag. Und ich denke, dass ich mit meiner eindeutigen Profilneurose doch recht zurecht komme, denn meine ewigen Versuche, andere zu besiegen und zu überzeugen, all dies passt sehr gut hierhin, entspricht ihrem Denken auf irgendeine Art. Mit meinen Psychosen passe ich sehr gut hinein. Und doch ist natürlich alles ein Rätsel.

Manchmal sehe ich in ihre Gesichter und denke, dass ich es genauso gut mit Außerirdischen zu tun haben könnte (ich denke auch, dass viele Außerirdische in alten amerikanischen Filmen ein wenig wie Chinesen aussahen: Die weit entfernt stehenden Augen und so weiter, denke weiter, dass dies mit der Fremdartigkeit zusammenhängt, mit dem Mysterium, das beide Kulturen voneinander trennt). Die Kulturen sind so unterschiedlich und werden sich niemals so richtig angleichen; doch wer sollte das schon wollen? Geht es darum? Dass nachher alle gleich sind?
Toleranz ist wohl das Stichwort. Dass wir ihre Hunde akzeptieren zum Beispiel.
Bevor sie geht, frage ich sie noch, was sie an uns Deutschen so richtig eklig findet.

- Käse.
- Warum?
- Es ist widerlich.

Sie erklärt weiter, dass sie in Deutschland entsetzt war von dem Gestank: Das Parfüm überall. Es setzte sich in ihre Nase und ließ sie würgen. Die Schweinshaxe war problematisch.

Okay, all dies kann ich verstehen; aber Käse? Was soll daran eklig sein? Ich war gestern im Supermarkt und sah gepökelte Hühner mit dem Kopf noch dran stapelweise liegen, die Haltegriffe durch die Augen gezogen. Ich sah fahrende Legebatterien, aus den Gittern steckten tausend Hühner die Köpfe.

Ich frage nicht weiter nach, es ist unverständlich und ein Mysterium. Käse ist für uns normal und auch noch gesund: Käse hat einen guten Ruf, nichts ist in irgendeiner Art verwerflich am Käseessen. Es ist Milch mit Zusätzen, doch für Chinesen wirklich eklig.

Wir verabschieden uns und ich vertreibe mir die Zeit mit dem Schlaf und dem Surfen: Diesmal schaue ich mir mal die anderen Blogs an und finde sie allesamt schrecklich langweilig. Ungenießbar. Es ist nicht die Egozentrik, nicht der Narzissmus, so etwas ist ja grundsätzlich okay und nur menschlich, es ist einfach der Umstand, dass die meisten einfach nicht schreiben können, keine einzige Zeile, kein Wort. Sie outen sich mit jedem Wort als Idioten. Ich mache den Rechner aus, hatte eigentlich gedacht, hier in China viel mehr zu surfen, aber letztlich surfe ich kaum, es interessiert mich einfach nicht. Auch und gerade die Politik ist mir momentan sehr fern, ja, ich bin wohl jetzt ein unpolitischer Mensch, einer von denen also, die nur noch meckern und nichts mitmachen, nichts für gut befinden. Auch damit passe ich ja irgendwie nach China, also sehr weit weg.