Ich schlafe nur eine Stunde, mache mir einen Kaffee, wecke dabei Fred; wir reden nichts, wie es sich für Männer gehört: Entweder wir reden oder wir reden gar nichts, dazwischen gibt es nichts.
Während ich meinen Kaffee trinke, macht Fred sich fertig für den Unterricht, sagt dann:

- There is everything … if you want to cook, just cook.

Ich verstehe natürlich den Hinweis und werde panisch. Natürlich kann ich kochen, den üblichen Scheiß eben; doch das hier ist etwas anders, das hier sind Zutaten, die ich nicht kenne, das bedeutet Gasherd und Wok (einen richtigen Wok, keine billige Imitation).
Ich schaue in den Kühlschrank und sehe viel eingefrorenes Fleisch, einige Gemüsesachen. Ich schließe den Kühlschrank wieder und gehe erst einmal spazieren: Es ist besser, denke ich, sich daran zu gewöhnen, anders hat das ja keinen Sinn. Also ziehe ich die Turnschuhe an (ich habe keine bequemen Schuhe dabei) und gehe los, werde natürlich angestarrt: Die Kinder und die alten Leute grüßen mich, beide gleichermaßen zahnlos, lächeln, rufen und grüßen, das ist in Ordnung, denn ich grüße zurück. Die Studenten schauen aber nur, glotzen, sagen nichts. Wenn ich Kippen kaufe, erstarrt der ganze Laden, steht alles still; seltsam, dabei bin ich sicher nicht der einzige Ausländer hier, aber jedoch wird hier so ein Aufstand gemacht.

Ich gehe zwei Stunden spazieren und sehe: alte Männer, die auf dem Sportplatz rückwärts gehen. Es ist eine Mode hier und sieht tatsächlich seltsam aus, soll aber gut sein und dem Körper wirklich helfen und so weiter. Dann fallen mir viele Frauen auf, die trotz der Sonne einen Regenschirm aufspannen: Die chinesische Angst vor dem Braunwerden. Hier gilt bleich als schick und braun sind nur die Vertreter der Arbeiterklasse: Braun wird man ohnehin, nein, kultiviert ist man, wenn man bleich bleibt.
Ich gehe und gehe, entdecke einen schönen Waldweg, der still und verlassen ist: Ich stelle mich hin und genieße die Ruhe, diese himmlische Ruhe. Jetzt erst fällt mir auf, wie laut es um mich herum immer ist, wie laut China insgesamt doch ist. Ich höre sogar nach Tagen meinen Tinnitus mal wieder und bekomme eine Art Heimweh.

Der Spaziergang endet erfolgreich: ich finde wieder in die Wohnung zurück, in der sich immer noch das Essensproblem stellt. Fred hat nun schon die ganze Zeit gekocht und natürlich bin ich jetzt dran.

Doch ich lasse mir Zeit, rauche, trinke Kaffee. Schneide Blumenkohl, werfe die Röschen ins heiße Fett. Erbsen dazu. In einer zweiten Pfanne mache ich ham, die Pfanne fängt an zu brennen, das Gas drunter entzündet sich: Die halbe Küche steht in Flammen. Ich bewahre die Nerven und reguliere die Flamme: Mit Gas zu kochen ist wirklich gewöhnungsbedürftig, da alles sehr schnell geht und sehr heiß wird. Der Blumenkohl zum Beispiel brennt mir an, ist aber innendrin noch roh.

Wir essen schweigend und mir schmeckt es; Fred frage ich nicht, ist mir auch egal, auf die Geste kommt es an. Wir rauchen eine und dann erscheinen die drei Studentinnen; ich verlasse fluchtartig den Raum: All dies ist mir dann doch zu blöd.
Irgendwann schlafe ich, muss ich wieder früh raus, nach Changsha wegen des Gesundheitszeugnisses. Doch vorher surfe ich noch herum und muss doch feststellen, dass die Deutschen so blöd wie ein Stück Scheiße sind: Schröder im Aufwind, es ist nicht zu fassen. Und dies allein wegen des Fernseh-Duells. So ist das heute, denke ich, so und nicht anders: Du hast dort, in Deutschland, momentan ohnehin nichts verloren und würdest verrückt werden. Meine Güte, denke ich weiter, ich bin ja kein Konservativer von Natur aus, aber das mit dem Schröder muss jetzt wirklich und wahrhaftig ein Ende haben. Aber er war ja wieder so souverän im TV, so locker und so witzig, gell? Ich könnte kotzen …
Aber die Merkel?, denke ich weiter, will man die? Nicht wirklich … Aber Schröder muss doch weg, muss einfach … Dann lese ich noch etwas über dies und das, lege mich hin.

Wieder muss ich um 6 Uhr raus und wieder warte ich, diesmal am Eingang des Foreign Exchange Centre. Nüchtern müssen wir sein, rauchen gehört aber nicht dazu, also rauche ich und warte.

Um mein Visum für China zu bekommen, musste ich noch in Deutschland einen Gesundheitstest machen, ein Standartformular. Das alles hat mich über 250 Euro gekostet: Die Beratung, die Röntgenaufnahmen des Thorax, das Blutbild, der HIV-Test. Ein ausgefülltes Gesundheitszeugnis ist demnach viel Geld wert, doch unglücklicherweise hat die chinesische Botschaft in Bonn beschlossen, mein Originaldokument zu behalten und mir also nur Kopien zur Verfügung zu stellen. Leider benötige ich in China aber für alles und jedes stets das Original, Kopien gelten hier gar nichts. Also stellte ich mich an diesem Morgen auf eine komplette Untersuchung mit dementsprechenden Kosten ein: Es ist ohnehin ein sinnloses Unterfangen, dies alles verstehen zu wollen, denn ohne Gesundheitszeugnis bekommt man kein Visum und ohne Visum kann man unmöglich einreisen (weiß der Teufel, wie oft ich meinen Reisepass schon vorzeigen musste), Trotzdem muss all dies in China selbst noch einmal gemacht werden, so eine Zeitverschwendung, denke ich also und rauche bis zum Filter.

Die anderen neuen Lehrer kommen: Jakub mit Freundin. Er ist so groß wie ich und Englischlehrer, doch in Polen geboren, wie seine Freundin, deren Namen ich aber vergessen habe. Zwei schwarze Frauen, die eine Dick, die andere jünger, mit denen ich mich aber kaum unterhalte, denn sie sind halt typische Amerikaner, reden gaumig und sind eben typisch, kein Interesse an einem Gespräch. Ein kleines Männlein mit Baseballkappe, das nichts sagt und von dem auch zu Beginn nicht ganz klar ist, ob es überhaupt dazugehört. Und zuletzt die beiden Leiter des Instituts.
Wir steigen in den kleinen Bus, der extra für diesen Ausflug gemietet wurde. Klimaanlage, es ist draußen schon ziemlich warm. Ich schlafe ein und nach etwa einer Stunde erreichen wir eine Art Hospital (ich wollte eine Kamera mitnehmen, dachte dann aber, dass ich das Schicksal nun wirklich nicht herausfordern muss), welches in Wahrheit eine Behörde ist. Wir setzen uns in ein Wartezimmer und: warten.

Jeder kommt dran, doch jeder von uns hat etwas anderes vergessen: Die beiden Polen hatten keine Ahnung, dass das Blutbild im Original dabei sein muss, die Amerikanerinnen hatten die Röntgenaufnahmen nicht mitgebracht, ich hatte alles, aber halt in Kopie; und das kleine Männlein wiederum hatte gar nichts, weshalb er auch ziemlich schnell abgefertigt war, 300 Yuan bezahlte und eben alles durchmachte, alle Untersuchungen. Wir anderen warteten, wurden hier mal aufgerufen und mussten da etwas erklären; irgendwann muss ich mich ausziehen und ein EKG wird gemacht von einer Ärztin, die es sich einfach macht: Sie schlägt, ziemlich fest, einfach auf die Körperteile, mit denen ich dann irgendwas machen soll, schlägt sie dann in die richtige Richtung. Eine alte Ärztin ist es, die kein Wort Englisch kann und stinkt. Während ich dort liege, höre ich die beiden Amerikanerinnen laut rufen: Sie weigern sich, eine weitere Röntgenaufnahme ihrer Brust machen zu lassen, drohen mit diesem und jenem. Ich lächle, denn es hat doch keinen Zweck: Irgendwann machen sie diese verdammten Röntgenaufnahmen und schließen sich ruhig, gefasst wieder unserer kleinen Gruppe an.

Wenn die Chinesen nicht wollen, dann wollen sie nicht, keine Frage. Dann verstehen sie kein Wort und reden schnell wirres Zeug: dagegen ist kein Ankommen.

Jakub und dessen Freundin müssen selbstverständlich ein neues Blutbild machen lassen, doch im Haus ist kein Pflaster zu finden; zum Glück haben die Amerikanerinnen noch welche in ihrem Rucksack … Der Arzt lacht laut auf.

Schließlich sitzen wir wieder im Bus, erfahren nichts, wissen nicht, was nun passiert oder eben nicht passiert. Das EKG hat mich übrigens 10 Yuan gekostet, keinen Euro. Er st als wir dann im Restaurant sitzen, wird klar, dass wir nun alle essen sollen. Wir essen also, fremdeln und reden daher wenig. Später finden die anderen ein Thema, das chinesische Essen nämlich, welches mich aber herzlich wenig interessiert: Entweder man isst es oder eben nicht. Man muss sich dran gewöhnen und kein Aufhebens machen. Doch hier wird Aufhebens gemacht. Es werden die besten Lokale aufgezählt, es werden einheimische Speisen vermisst. Zu meiner Verblüffung macht auch das Männlein eifrig mit, lacht irre und redet unverständliches Zeug.

Ich muss auf Toilette und sehe hier, was ich bisher für ein Glück hatte: Es sind einfach nur Löcher, klar, in Ordnung, wusste ich. Doch es existieren keine Einzelkabinen in unserem Sinne, die Schutzwänden sind nur einen Meter hoch und jeder kann einen beim Hockenkacken zusehen; es ist wirklich gewöhnungsbedürftig, doch leider musste ich nun einmal scheißen und tat es dann auch. Und natürlich betrat ein Mann die Toilette und ich schaute hoch zu ihm wie eine Maus in die Scheinwerfer eines heranrasenden BMWs. Zuerst hatte ich selbstverständlich Verstopfung, doch jetzt, danach, denke ich schon, dass diese Art des Hockens um einiges einfacher und auch bequemer ist als unsere Art, aber genug davon: ich wischte mich ab (sie haben kein Toilettenpapier, nie, und man muss ordentlich was mitnehmen, bitte nie vergessen!).

Danach fahren wir in die Stadt Changsha und wieder einmal bekomme ich eine neue Dimension zu spüren: Moloch neben Moloch. Es ist unbeschreiblich und im Grunde unfassbar. Diese Stadt muss einfach mehr als 10 Millionen Einwohner haben, doch irgendwann hört man natürlich mit dem Zählen auf … Wir fahren ewig und betreten dann einen Supermarkt, in dem ich so wichtige Dinge wie Zahnseide, Schokolade und Heineken-Bier kaufe. Ich suche den Käse, finde aber nur Scheibletten, drei Stück in einer Packung für umgerechnet 3 Euro; unglaublich, aber die Chinesen finden Käse eklig, richtig widerlich.

Wir gehen in Zweiergruppen: Jakub mit seiner Freundin, die beiden Amerikanerinnen, die beiden Leiter und natürlich ich mit dem Männlein.
Das Männlein ist aus Kolumbien und in Xiangtan der Spanischlehrer, privat aber ist er Künstler, malt Bilder und so ein Zeugs, Installationen. Er sagt mir, wenn ich jemals nach Kolumbien fahren wolle, müsse ich ihm nur Bescheid sagen und er werde alles regeln: genau für so Kontakte bin ich überhaupt hier. Dann kommen wir auf die Musik zu sprechen, erklären beide, ohne Musik nicht leben zu können und zwar vor allem ist hier die Musik von den Dire Straits gemeint. Ich bin hin und weg: da muss man 12 Stunden in die Pampa fliegen um so den letzten lebenden zweiten Fan der Straits endlich zu treffen. ACDC ist noch im Gespräch und andere Sachen, es tut gut, mal wieder europäisch zu reden und nicht immer über diesen chinesischen Kram: er hört gern Megadeath, ich fasse es nicht.

Zusammen gehen wir einkaufen und setzen uns dann draußen an einen Tisch, trinken stilles Wasser aus Plastikflaschen, die man hier überall kaufen kann (noch so eine Sache: es existiert hier keine Kohlensäure). Die ganze Zeit über stehen neben uns zwei Frauen und ich denke noch, die wollen vielleicht unseren Platz haben, doch als ich die Flasche leere, wird sie mir von einer aus den Händen gerissen: Diese Frauen stehen in der Tat da und sammeln den Leuten den Müll aus den Händen.

Wir stehen auf und da lerne ich zum ersten Mal das vielgepriesene brutale Betteln kennen: Eine alte Frau reibt sich seitlich an mir, hält die offene Hand in meinen Schritt, drückt mich zur Seite. Ich gebe nichts, doch das ist egal, sie reibt sich weiter an mir, verfolgt uns bis das Männlein (Name vergessen) ihr was gibt, erst dann ist Ruhe, doch kein Danke, sondern ein Spucken schickt sie uns hinterher.
Wir sammeln uns ein und fahren zurück zur Behörde, wo es immer noch kafkaesker wird, denn plötzlich soll ich doch ein Originaldokument haben.

- You have one, I saw it!
- No! I’m no idiot and lie such things.
- I saw the papers!
- No, it’s impossible.

Schließlich gibt sie klein bei, doch die Stimmung bleibt angespannt. Wir steigen in den Bus, es ist wohl alles geklärt, wir fahren los. Jakub erzählt mir, dass er überhaupt noch keinen Arbeitsvertrag hat: Sie haben ihn hierhin eingeladen als Englischlehrer und wissen nun, wo er da ist, nicht, ob sie ihn brauchen können. Sie wollen die nächsten Unterrichtsstunden gucken und dann entscheiden. Wenn das mal keine Scheißsituation ist, denn immerhin kostet es ziemlich viel Geld um hierhin zu kommen und die meisten mussten einen Job kündigen und so weiter. Es geht also immer noch beschissener, wirklich wahr.

Etwa 11 Stunden nach unserer Abfahrt kommen wir wieder auf dem Campus an und tauschen die Nummern aus. Müde und zerschlagen komme ich in der Wohnung an, wo Fred schon mit zwei Studentinnen am Tisch sitzt, die Laune ist, das sehe ich mit einem Blick, sehr gut.

- Eh, Roman! We’ve waited for you!
- O, I’m pissed!
- You’re pissed? Then better piss off!

Ich packe die Einkäufe aus und kann es nicht fassen, schlage mir an den blöden Schädel: Ich habe den Kaffee vergessen, einfach vergessen! Noch beim Reingehen in den Supermarkt hatte ich manisch Kaffee Kaffee vor mich hin gebrabbelt, doch dann: vergessen.
Ich bin völlig fertig und trinke ein Heineken, rauche. Es ist höllisch warm, die Luftfeuchtigkeit drückt alles nieder. Überhaupt ist das Sonnenlicht hier farblos, macht die Landschaft bleich und fadenscheinig; keine satten Farben, keine schönen Abendhimmel, einfach nur eine Art von milchiger Trostlosigkeit.

Der Franzose von unten kommt und lädt uns zum Trinken ein, vielleicht essen wir auch was, fügt er hinzu, scheint ein netter Kerl zu sein, raucht jedenfalls, doch wir gehen nicht: Fred geht nirgendwo mehr hin, denke ich, ich bin erledigt und will meine Ruhe: Morgen kommt schon Besuch und übermorgen habe ich eigentlich vor, Maos Geburtsstätte zu besichtigen, zwei Stunden von hier … mal sehen.
Wir bleiben also mit drei Studentinnen hier und kochen Spaghetti, was sehr witzig ist, denn zwei Studentinnen ekeln sich so richtig davor (vor Nudeln mit Tomatensoße!) und die andere isst mit Gabel und Löffel so ungeschickt wie ich mit Stäbchen: ein Kulturclash diese Spaghettis, wer hätte das gedacht … am Ende sitzen Fred und allein da und wir reden über die Studentinnen, er seufzt,

- O, how much can a man take before he breaks.