Thu 8 Sep 2005
Ich sitze abends in meinem Zimmer und schreibe den Blogeintrag, denke wieder einmal, dass es schade ist: ich kann einfach nicht alles beschreiben, denn es ist einfach zu viel. Oft liege ich spät in der Nacht im Bett und denke: hätte ich doch dies und das noch beschrieben. Aber es ist nicht möglich.
Zum Beispiel hatte mich Herr Zhao während seines Besuchs deutlich gewarnt: Gehen Sie nicht bei Dunkelheit vor die Tür, es ist, leider, sehr gefährlich. Ich nickte und hatte ohnehin keine Ahnung, was ich nachts auf dem Campus machen sollte: In China geht man nicht aus, nicht im europäischen Sinne; man geht zusammen essen und sitzt noch ein wenig herum, dann ist scheinbar alles gesagt und man geht nach Hause (ich denke, die Studenten machen eine Menge andere Sachen, coole Sachen, doch ich kann als Dozent ja nicht mit den Studenten herumhängen, jedenfalls nicht so). Es existieren keine Kneipen, keine Orte, an denen man trinken kann. Wenn das Essen gegessen ist, stehen die Chinesen sofort auf, sie kennen das gemütliche Herumsitzen nicht, kennen wahrscheinlich gar keine Gemütlichkeit. In Xiangtan selbst ist das natürlich alles machbar, doch die Busfahrt dahin ist zu später Stunde nicht mehr zu empfehlen. Für mich sehe ich also keine Gefahr.
Beruhigt hocke ich also vor dem Rechner und Fred klopft an die Tür (meistens arbeite und schreibe ich am Abend, er dagegen sitzt vor dem Fernseher, liest: es ist ein gut organisierter Alltag in der Männer-WG), fragt mich, ob ich morgen Zeit habe; ich sage ja, denn in der Tat habe ich am nächsten Tag nichts zu tun: Erst Anfang Oktober werden noch zwei Klassenstufen dazukommen, nämlich die Jahrgänge 2002 und 2005, denen ich endlich das lehren darf, was ich kann, die deutsche Literatur nämlich. Doch noch machen diese Studenten eine Art Praktikum in deutschen Firmen überall in China (so habe ich es jedenfalls verstanden, aber man bekommt ja nichts erklärt) und so habe ich sehr wenig zu tun, was an sich nicht schlecht ist, doch mir fällt an einem freien Tag die Decke auf den Kopf: das Herumsitzen in der Wohnung und so weiter. Also habe ich für den nächsten Tag mit Alf eine Fahrt nach Xiangtan verabredet, um überhaupt etwas zu tun.
Fred nickt.
- Do you want to earn some money?
Klar, sage ich und er reicht mir sein Handy. Ronny ist dran; noch nie gehört von Ronny, er klingt jedenfalls wie ein waschechter Amerikaner. Ich kann morgen Vormittag in einer normalen Schule vier Unterrichtsstunden Englisch geben. Ich sage Ronny, dass ich kein native speaker bin.
- Don’t worry, it’s just a little bit conversation, just oral stuff und so on.
400 Yuan soll mir das bringen, etwa 40 Euro. Das Geld ist nicht die Hauptsache, doch ich könnte es schon gut gebrauchen: Immer noch lebe ich von dem, was ich aus Deutschland mitgebracht habe, denn es gab noch keinen Lohn, erst um den 20. herum, was mich doch stark einschränkt, denn ich muss sparen. 400 Yuan wären also wirklich nicht schlecht, außerdem reizt mich selbstverständlich das Abenteuer: Ronny sagt, dass man mich um 7 Uhr 15 am Eingang der Universität von einem Fahrer abholen lässt und ich gegen 12 Uhr wieder zurück bin. Ich denke, dass ich nun schon in einer halsbrecherischen Aktion von Frankfurt nach Changsha geflogen bin und möchte nun nicht kneifen angesichts einer solchen Aktion.
Ich sage also zu und gehe daher spät ins Bett. Alf informiere ich nicht, da ich nach meiner Rechnung früh genug zurück bin: wir haben uns für 12 Uhr 30 verabredet, das müsste ich dicke schaffen.
Ich gehe früh ins Bett, bin ohnehin müde und stelle den Wecker für 6 Uhr, werde sogar noch vor dem Signal wach: Ich bin neugierig und sehr froh, dass etwas passiert, dass ich etwas zu tun habe. Zum ersten Mal erfahre ich, was Fred morgens macht: Er raucht drei Zigaretten vor dem Duschen, sitzt im Wohnzimmer, starrt zerstört und müde vor sich hin, trinkt diesen unsäglichen löslichen Kaffee.
Ich mache mich fertig und gehe zum Eingang: um diese Uhrzeit ist noch nicht viel los, kaum Verkehr, kaum Studenten, eine gute Zeit; muss ich mir merken, denke ich, will ja in nächster Zeit wieder mit dem Joggen anfangen, war bisher zu faul und auch zu schüchtern: ich werde sowieso schon die ganze Zeit angestarrt, meine Güte, wenn ich joggend im Kostüm an ihnen vorbeihüpfe, drehen sie wahrscheinlich durch.
Ich bin pünktlich, doch es ist kein Fahrer zu sein. Viele Autos, ja, aber kein Fahrer. Woran erkennt man einen Fahrer, denke ich dann, woran soll ich den Fahrer denn erkennen? Wir haben kein Zeichen ausgemacht, fällt mir ein und ich zünde eine Kippe an.
Das Problem ist, denke ich weiter, dass die chinesischen Männer von Natur aus sehr schüchtern sind. Sie kommen ungern auf dich zu, äußerst ungern. Vier Autos stehen am Eingang, sehe, in jedem sitzt ein Fahrer, der dich anschaut. Drei schauen dich an, weil sie Geld von dir wollen, also Taxifahrer sind: In China, kaum steigt man aus einem Bus, einem Flugzeug oder einem Geschäft, schon schreien dich Männer an, bieten ihre Dienste an. Sie brüllen und fuchteln an Flughäfen und lauten Orten, hier aber, am ruhigen Eingang, da warten sie nur in den Autos und gucken: Sie sehen dich an, denke ich, und sehen: Ein Ausländer, a foreign idiot, mit viel Geld, viel cash.
Weiter denke ich, dass der richtige Fahrer wiederum zu schüchtern ist, auf mich zuzugehen. Und so könnten wir hier bis in alle Ewigkeit stehen und warten, denke ich und rauche schon die nächste Zigarette, insgesamt an diesem Morgen die sechste (ich rauche wirklich zu viel).
Jetzt ist es 7 Uhr 30 und ich überlege, ob ich die nächste Kippe anstecken oder endlich die Fahrer ansprechen soll. Scheiß drauf, sage ich mir, jeder Idiot kann sehen, dass ich a bloody foreign bin (Freds Sprache färbt fucking ab) und wenn es nichts wird, ist es auch nicht schlimm; gehe ich halt wieder heim und schlafe noch ein wenig. Inzwischen falle ich natürlich auch einigen Händlern auf, jeden Augenblick spricht mich der erste an und dann bricht die Flut los: ich würde Freiwild sein.
Zum Glück kommt in diesem Augenblick der Fahrer, lächelt dünn: Harry. Ein Chinese, natürlich. Wir sprechen wenig und so kann ich mich voll und ganz auf den Verkehr konzentrieren. Ich überlege, die Augen zu schließen, doch Harry hupt die ganze Zeit und immer wieder reiße ich die Augen auf: ein sinnloser europäischer Reflex, der hier nur Zeit und Kalorien kostet. Dann wieder möchte ich mich auf die schöne Landschaft konzentrieren, doch zwei Fakten sprechen dagegen: Zuerst einmal ist die Landschaft nicht schön, sie ist hässlich, verbaut, überall Schutt, Abfall, Dreck, Verfallenes. Zum anderen möchte ich dem Tod schon ins Auge sehen.
Es ist neblig und Harry fährt hupend mit Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn in den Nebel hinein. In China laufen wiederum Menschen auf der Autobahn, Fahrräder, sehr viele Motorräder und so weiter, von allen Seiten kann der Tod oder wenigstens die Querschnittlähmung kommen. Ich verliere beide Beine und zwar hier, hier in China, denke ich. Endlich. Ich bin mit meiner Angst nicht allein: Fred zum Beispiel setzt sich im Taxi stets hinter den Fahrer, da er auf diese Weise so wenig wie irgend möglich vom Verkehr zu sehen bekommt. Alle Ausländer haben Horror angesichts dieses Verkehrs, der keine Regeln kennt, wirklich nicht, denn jeder fährt so schnell er kann, gibt keinen Raum preis.
Und alle hupen: man überholt einen LKW in einer scharfen Kurve und hupt sicherheitshalber anhaltend. Das System ist eigentlich einfach: Wenn man kommt, hupt man, immer, wirklich immer. Doch Harry hupt hin und wieder in Situationen, in denen es eigentlich nicht nötig ist; ich möchte ihn gern dazu befragen, doch ich lasse es sein, er hätte es wohl eh nicht verstanden, denn das Hupen ist ihnen in die Gene geschrieben. Vielleicht hupt er ja auf der leeren Straße einfach nur so, einfach nur, um zu hupen; wer weiß das schon und was weiß ich überhaupt? Wenig.
An einer Tankstelle halten wir plötzlich und die Fahrer wechseln, ein Amerikaner steigt hinzu. Der neue Fahrer hupt auch, telefoniert dabei aber die ganze Zeit. Wir unterhalten uns nicht, ich sehe seitlich aus dem Fenster: Nebel, Geschäfte; wir sind in Xiangtan.
Die Stadt hat drei Millionen Einwohner und ist riesig, unübersichtlich, ein Moloch. Wir fahren und fahren. Ich habe keine Ahnung, wie die Schule heißt oder wo sie ist, und frage mich, worauf ich mich denn jetzt schon wieder eingelassen habe: ich kenne keinen hier und wäre verloren allein, keine Frage. Meine verdammte Neugier und Geldgeilheit, denke ich und dann kommen wir an.
Wir erreichen hupend die Schule, steigen aus und gehen sofort, begleitet von einer Frau, die sich aber nicht vorstellt, in die Schule und schon stehe ich vor dem Klassenzimmer. Ich erhalte einen winzigen Zettel, auf dem die vier Räume eingetragen sind, in denen ich unterrichten soll und betrete das Klassenzimmer: Über 60 chinesische Kinder schreien und klatschen begeistert, hören nicht auf, kriegen sich nicht ein angesichts meines Aussehens und, vor allem, meiner Größe. Irgendwann beruhigen sich alle.
- Good Morning!
- (Alle) Good Morning!
- Nice to meet you!
- (Alle) Nice to meet you!
Danach fällt mir nichts mehr ein und ich fange an zu erzählen, sage, woher ich komme und was ich so mache, wie alt ich bin und so weiter. Ich schreibe meinen Namen an die Tafel. Irgendwann tritt eine Frau an mich heran, die mir vorher gar nicht aufgefallen ist:
- You talk to much und to difficult.
- I know, yeah …
- Play a game with them, that’s better. Fun.
- A game? Fun. I don’t know any games …
Sie schaut mich von der Seite an und ich mache mit dem Unterricht weiter, erzähle jetzt, dass ich gerne tanzen gehe. Die Frau sagt, ich solle dann doch tanzen, was ich ablehne. Doch die Kinder hören nicht auf und so fordere ich die Frau auf, wahrscheinlich eine Lehrerin, mit mir zu tanzen; einen Walzer. Ich zeige ihr die Schritte und wir führen es vor, es klappt gut.
Danach singe ich die deutsche Nationalhymne und Happy Birthday, bei letzterem singen die Kinder mit. Mir ist jetzt alles egal: Die über 60 Kinder sind laut und man muss schreien, um gegen diesen Pegel anzukämpfen. Irgendwann ist die Stunde vorbei und ich rauche im Flur eine Zigarette, gehe ins nächste Klassenzimmer, einfach nur einen Raum weiter: Wieder über 60 Kinder und wieder dieses Spektakel.
Nach diesen zwei Unterrichtsstunden gehe ich ins Lehrerzimmer, treffe dort den Amerikaner wieder, der auch sehr erschöpft aussieht:
- It’s hell, yeah?
Ich nicke und stecke mir eine Kippe an: In China existieren keine Aschenbecher, die Lehrer aschen auf den Boden, spucken vor sich hin, überall ist Dreck. Es gibt hier auch keinen Papierkorb und die Lehrer werfen den Abfall in eine Ecke; irgendwann kommt dann jemand und räumt alles fort. Ich habe mich schon daran gewöhnt und werfe die Kippe auf den Boden (anfangs hatte ich noch Skrupel, im Lokal zum Beispiel: Hier ging ich immer an den Ausgang und warf die Kippe raus, jetzt lasse ich das aber auch sein, es stiftet Verwirrung und Unruhe). Der Amerikaner, Steve, macht das hier auch zum ersten Mal, erfahre ich, er ist von der technischen Universität Xiangtan; ich frage ihn:
- Are we still in Xiangtan?
Er nickt und so weiß ich wenigstens ungefähr, wo ich bin, doch helfen tut das auch nicht, denn die nächsten beiden Stunden beginnen und wieder mache ich den Affen. Es sind vier Parallelklassen, wie ich erfahre, jeweils mit über 60 Schülern, die um die 12 Jahre alt sind. In der letzten Stunde habe ich dann überhaupt keine Lust mehr: sie können wenig Englisch und sind laut, nervig. Ich tanze allein am Pult den Walzer, singe dabei die Walzermelodie, singe dies und das, führe einen Tango vor. Ich sei cool, bedeuten mir die Schüler, humerous, rufen sie und ich seufze auf: Ende der Stunde, ich will weg.
Draußen fängt die Frau mich schon im Flur ab:
- How much money do you get?
- 100 Yuan per hour.
- 100? That’s 400 Yuan!
- Yeah.
- The normal teachers get 35 Yuan per hour.
- Yes, but I’m not a normal teacher …
Sie schaut mich an und ich schaue zurück. Wir gehen zum Wagen, der Amerikaner, ein Schwarzer, fällt noch mehr auf als ich. Doch mir reicht das Aufsehen, das ich errege: Kinder schreien mich an, berühren mich, ich muss Autogramme geben (!).
Wir fahren los und wieder spricht keiner ein Wort. In der Stadt erklärt Steve plötzlich, von nun an mit dem Bus fahren zu können. Ich kann das nicht, kenne mich ja nicht aus, möchte jetzt aber nicht uncool sein und erkläre, dies auch tun zu können.
Also lassen sie Steve an einer Ecke raus und mich an einer anderen. Ich bekomme mein Geld cash auf die Hand und all das ist einfach nur witzig: Ausländische Lehrer, die den Schülern vortanzen und das Geld bar bekommen, es ist eben China.
Ich schaue mich um, erkenne natürlich nichts wieder, war ja hier noch nie. Ich rufe Alf mit meinem Handy an, erkläre ihm die Situation, doch er versteht mich nicht, kann das alles gar nicht fassen:
- Wo bist du?
- In Xiangtan, in der Stadt.
- In der Stadt?
- Ja, in der Stadt.
- Du bist schon in der Stadt? Wir wollten fahren.
- Ich bin schon da. Und komme nicht zurück.
- Zurückkommen?
- Aus der Stadt?
- Soll ich kommen?
- Ich weiß nicht, wo ich bin, verstehst du?
- In der Stadt?
- Ja.
Und so weiter. Irgendwann erinnere ich mich, dass Alf und ich letztes Mal mit der Linie 6 gefahren sind und zum Glück steht diese Zahl in arabischen Ziffern an dem Bus. Ich steige ein und denke, dass ich, fährt er in die falsche Richtung, einfach wieder zurückfahre.
Der Bus ist überfüllt und die Straßen sind zerstört: Ich stehe und muss mich krampfhaft festhalten, nur Chinesen, nur Dreck. Ich werde natürlich angestarrt, bin der einzige, der so richtig schwitzt, bin platt, komme so tatsächlich auf dem Campus an; Glück gehabt, hätte auch in die Hosen gehen können.
Alf wartet auf mich an meiner Wohnung, er und seine Freundin kommen mir lachend entgegen und ich erkläre, wo ich gewesen bin und weshalb.
Sie schütteln beide die Köpfe, können es nicht glauben.
- Auf dich kann man nicht aufpassen!
- Ich bin 31 Jahre alt, ich werde doch noch Bus fahren können!
- Wenn du verloren gehest, kommen alle und fragen mich: Wo ist der Deutschlehrer, wo ist der Deutschlehrer hin?
Ich lache und kann schon verstehen, dass er sich sorgt, denn immerhin hat er von oben den Auftrag, auf mich aufzupassen und mir zu helfen. Er erzählt mir, dass ein Studienfreund auch so etwas macht, an einer Schule unterrichten, und dafür für vier Stunden insgesamt 80 Yuan bekommt: da bin ich mit meinen 400 ja noch gut dran, denke ich und lade beide zum Essen ein.
Wir essen also und danach gehe ich in meine Wohnung: Fred liegt auf dem Sofa, schläft; ich lege mich aufs Bett und schlafe sofort ein. Die Kinder haben mich geschafft, keine Frage.
Und wie das mit Fred und den drei Mädchen war, das erzähle ich dann nächstes Mal, denn das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden …





March 31st, 2006 at 7:34 am
hallo Roman
bei Verena lese ich deine neuesten Nachrichten. Es ist sehr interessant und amüsant zugleich. Ich wünsche dir trotz mancher Schwierigkeiten eine schöne Zeit. Halt die Ohren steif. Es wird ein unvergessliches Erlebnis für dich werden.
Ich warte jetzt noch auf meine versprochene Postkarte.
Liebe Grüße Hilde