Wed 7 Sep 2005
Wir essen Steak, Eier (ich eins!) und Tomaten, unterhalten uns. Wir unterhalten uns sehr häufig und Fred kann mit dem Erzählen kaum aufhören. Diesmal geht es um Australien und wie man da Geld verdienen kann: Er rät mir, Obst zu pflücken oder Diamanten zu suchen; auf diese Weise soll ich die gesamte Küste durchwandern. Ich würde genug Geld verdienen, so er, um über die Runden zu kommen. Und überhaupt würde sich das wegen der Leute sehr lohnen; er berichtet nun, wir sind mit dem Essen fast fertig, von einigen seltsamen Gestalten, ehemaligen Soldaten, die in Australien leben und dort jedem auf die Fresse hauen, bloody shit. Ich lache, habe aber ein Problem: Der vorletzte Bissen vom Steak war dermaßen zäh und fettig, zudem ein riesengroßer Brocken, den ich unmöglich runter bekomme. Zerkauen kann ich ihn auch nicht, da ich sonst kotzen müsste. Normalerweise spucken wir hier so etwas einfach auf den Tisch, jeder macht das.
Überhaupt habe ich mich erschreckend schnell an einige Sitten gewöhnt, zum Beispiel an das laute Schmatzen am Tisch, ja, ich selbst schmatze wie ein junger Gott. Es geht einfach nicht ohne, denn mit den Stäbchen muss man das Essen sozusagen ansaugen. Auch rülpst man einfach so, ja, man rülpst behaglich und drückt damit Zufriedenheit aus. Ich selbst war Zeuge, als Fred vor vier jungen Mädchen herzzerreißend rülpste und die daraufhin nur freudig kicherten: es ist eine Männerwelt, keine Frage.
Doch diesmal kann ich das Fleisch unmöglich ausspucken, denn immerhin bin ich eingeladen und Fred liebt sein Steak; sicherlich würde ich ihm das Herz brechen und schiebe daher den Brocken in die linke Backe.
Er redet über die Trucker in Australien, die mit 44rädrigen LKWs weite Strecken fahren und denen man besser aus dem Weg geht. Ich lache wieder und versuche, meinen letzten Bissen an dem Brocken vorbei zu kauen und zu schlucken, schiebe daher mein Gesicht von ihm weg, was ihn natürlich irritiert. Es gelingt: ich schlucke und nun habe ich nur noch den Brocken im Mund. Wie ihn loswerden? Fred spricht über einen Trucker, überall tätowiert, selbst auf Penis und Sack, der die Touristen zu erschrecken pflegte und nur mit einem Lendenschurz aus einer Ecke hervorkam:
- O, this fucking australiens, they’re crazy like shit!
Ich schmunzle, kann gar nichts sagen, hätte sonst den Brocken auf seinen Teller gespieen. Die Teller sind eindeutig leer (Fred hat seinen mit einem Stück Brot saubergemacht) und wenn er jetzt meinen Fake entdeckt, bin ich eindeutig geliefert: Dann hält er mich für bekloppt. Doch er redet weiter, sieht mir dabei die ganze Zeit in die Augen, ich schwitze und bin mir ziemlich sicher, dass er die Beule in meiner Backe erkennt und sich denkt, ich wäre nicht gerade a fucking bastard, sondern eine feige Laus.
Schließlich macht er eine kurze Atempause und ich springe auf, murmele was von cigarettes und stürme in mein Zimmer, spucke den Brocken in den Aschenbecher und kehre sofort zurück: die heikle Situation ist geklärt.
Wir rauchen und Fred erzählt von Diamanten und warum das Obstpflücken in Australien so gut bezahlt wird: weil überall giftige Insekten lauern und so weiter. Riesige Spinnen und anderes. Ich habe keine Ahnung, ob das alles stimmt, doch er kann gut erzählen und es macht Spaß, einfach nur da zu sitzen und zu lauschen.
Irgendwann mache ich uns einen löslichen Kaffee und gehe in mein Zimmer, stelle mich ans Fenster: Der Typ gegenüber macht wieder seine Leibesübungen. Die Chinesen machen das häufig und es sieht seltsam aus. Schlimmer jedoch ist der Typ, der irgendwo unter mir wohnt und der jede halbe Stunde ordentlich die Nase hochzieht und ausspuckt. Jede halbe Minute! Ich lüge nicht!
Lustig ist auch der Typ mit Fahrrad, der den ganzen Tag ums Gebäude fährt und irgendwas grölt; keine Ahnung, was er verkauft und ich hatte noch keine Lust zu fragen. Ich nippe am Kaffee und stelle wieder einmal fest, wie eklig er schmeckt, doch zugleich denke ich, dass er trotzdem besser schmeckt als der gute Kaffee daheim. Den hatte ich lange genug, denke ich, zünde eine Zigarette an, rauche und trinke, ja, den normalen Kaffee und ein normales Leben, alles das hattest du lange genug und wirst du noch lange genug haben. Tatsächlich schmeckt mir der Kaffee hier auch besser als der daheim, ja, der lösliche Kaffee ist besser, einfach besser. Was hatte ich den normalen Kaffee und den normalen Ablauf des Lebens gehasst, dieses Wissen, was morgen sein wird, diese absolute Sicherheit und Gewissheit; nein, sage ich mir, da ist dies doch immer noch besser, besser als alles andere.
Ich schalte den Rechner ein und bereite die morgigen Stunden vor: Landeskunde und Linguistik. Leider funktioniert der Drucker immer noch nicht richtig und daher muss ich mir handschriftliche Notizen machen. Danach kümmere ich mich um Linguistik, habe aber immer noch keine Ahnung und lasse es irgendwann sein, schlafe.
Der Wecker klingelt um 8 und ich gehe in die Dusche. Fred ist so überrascht, dass er eine Stunde zu früh das Haus verlässt, denn, wie er mir später erzählt, er war sich sicher, dass es gegen 9 sein musste. Ich erledige alles, fotografiere die Küche, die Waschmaschine (endlich!) und einen der winzigen Stühle mit Hilfe des Spiegels (ich hoffe, es kommt rüber wie klein der ist), fühle mich gut.




Die Sonne scheint und es ist sofort warm, drückend, doch das ist nicht schlimm. Ich gehe los, bin mit Alf vor dem Institut verabredet,
- Schönes Wetter!
- Es seien heiß!
- Egal, endlich scheint mal die Sonne: zum ersten Mal sehe ich die Sonne in China.
- Die werden Sie noch oft sehen.
- Egal: Heute ist heute, morgen sehen wir weiter.
Kaum ist die Sonne draußen, sieht auch sofort die Uni freundlicher aus: viele Studenten sind unterwegs, viele Menschen schauen hin zu mir, sehen aber sofort wieder weg. Wir betreten das Gebäude und den Seminarraum. Die Studenten fotografieren mich und ich sie.



Herr Zhao kommt vorbei und erklärt mir, dass ich am Freitag um 7 Uhr 30 nach Changsha fahren muss, wegen meines Gesundheitszeugnisses. Ich nicke und er fragt mich, ob er bei der Stunde zusehen darf und natürlich nicke ich, beginne mit dem Unterricht.
Ich fange an mit dem 22.05, dem Tag der SPD-Niederlage in Baden-Württemberg, hangele mich auf diese Weise bis zum Wahltag vor, mache Pause.

Herr Zhao tritt an mich heran:
- Sehr gute Unterricht.
- Ja, denke ich auch.
- Nur ein wenig schnell.
- Ich weiß, aber ich wiederhole es ja noch mal.
Ich rauche eine Zigarette und nach der Pause wiederhole ich nichts, sondern ich versuche zu erklären, weshalb ich die Wahl für gefährlich und blödsinnig halte. Ich erwähne die Linkspartei und will ihnen nächste Woche das Phänomen Lafontaine erklären, weiß aber, dass ich es nicht schaffen werde. Kurz schweife ich ab und erläutere Jugendbewegungen: Die Punks, Skinheads, Crunch und Gruftis. Sie verstehen nichts und ich denke, ich werde nächste Woche meinen MP3-Player und Boxen mitbringen: Die Studenten haben noch nie etwas von Nirvana oder Punk gehört! Das muss sich ändern und zwar dringend. Dann ist die Stunde schon zuende.
Die Seminare dauern auch hier anderthalb Stunden, in der Mitte sind zehn Minuten Pause. Mein Seminar ging also von 10 bis 11 Uhr 40. Danach gehen Alf und ich essen, seine Freundin kommt mit und wieder mache ich Fotos, diesmal auch von dem Lokal selbst.
Alf fragt mich mehrmals über Punks, Gruftis und so aus, ich bemerke, dass er wenig verstanden hat und noch so wenig weiß (die wissen hier wirklich sehr wenig), doch auch ihm gefällt der Unterricht: Nächste Woche muss ich alles noch einmal wiederholen, doch das ist es mir wert, wirklich: Wie ich den Studenten erklärt habe, ist in Deutschland momentan eine große Krise und diese Wahl eine ganz wichtige. Das, so glaube ich, haben sie wohl auch verstanden, nur Dinge wie Exekutive und so sicherlich nicht. Ich habe aber auch viel von ihnen verlangt, sehr viel, doch ich wollte dies alles unbedingt in der ersten Stunde durchmachen, damit wir dann in den nächsten beiden Wochen darüber reden können. Unter anderem erläuterte ich auch, wie viel meine Wohnung in Mainz kostet und sie erschauderten: Landeskunde eben; gehört alles dazu.
Um 14 Uhr 30 war dann Linguistik dran und hier war ich kaum vorbereitet, hatte vor, Semantik zu machen und tat dies auch: Zuerst erklärte ich die deutsche Semantik, also die arbiträre Beziehung von Vorstellung und Lautbild. Dann setzte ich mich plötzlich neben eine Studentin und fragte den Lehrer, wie es im Chinesischen wohl ist, aber es da wohl anders ist. Sie waren alle sehr baff und dies wollte ich ja auch. Von der Bank aus erzählte ich die Legende von Schild und Speer: Ein chinesischer Händler verkauft einen Speer, preist ihn als den besten Speer, der jeden Schild zerbricht. Dann nimmt der Händler sein Schild und preist ihn als der einzige Schild, der jeden Speer bricht. Als ein Mann fragt, was passiert, wenn er des Händlers Speer und Schild gegeneinander probiert, nimmt der Händler seine Sachen und geht davon. Ich hatte gelesen, dass diese Legende Kern des chinesischen Zeichens für Widerspruch ist: in dem Zeichen für Widerspruch ist ein Speer und ein Schild enthalten.
Auf diese Weise mühte ich mich, ihnen die Unterschiede zwischen der deutschen und der chinesischen Schrift zu erklären, doch es war viel zu schwer für die Studenten.
In der Pause treffe ich Olivier, den Französischlehrer, der auch 31 ist und Philosophie studiert hat. Er freut sich sehr darauf, mit mir über Philosophie zu reden, denn sonnst wäre kein Lehrer da, der ´das studiert hätte. Ich weiß wiederum nicht, ob mich freuen soll, denn eigentlich ist mir die Philosophie schon sehr fern, doch mal sehen, vielleicht wird es ja doch interessant.
Nach der Pause setze ich mich wieder in eine Bank und möchte, dass die Studenten mir Fragen stellen; Fragen über Deutschland, mich oder eben anderes. Zuerst die üblichen Fragen:
- Wie gefällt es Ihnen in China?
- Wie schmeckt Ihnen das Essen?
Ich erzähle von meiner Magenverstimmung, dann möchten sie wissen, was ich getan habe als der Papst in Köln war:
- Ich war in Mainz, denn ich glaube nicht an Gott.
Ich erläuterte in groben Zügen den Katholizismus und andere Dinge, sagte dann, dass die meisten Menschen in Deutschland keine Katholiken oder Evangelischen mehr sind, sondern eher an einen persönlichen Gott glauben, dies oder eben an gar nichts. Ich sagte weiter, dass die meisten Jugendlichen Sex vor der Ehe haben und deshalb keine Katholiken seien, auch und gerade die nicht, die den Papst in Köln besuchten. Sie nicken und hören sehr aufmerksam zu; es ist klar, dies hier interessiert sie viel mehr als linguistische Themen, logisch, doch wie sollen sie die Sprache lernen ohne das Land zu kennen, die Sitten? Es ist schwierig und ich werde versuchen, beides zu behandeln.
Übrigens verschweige ich auch die Fehler Deutschlands nicht, erkläre zum Beispiel, dass die Demokratie sicherlich nicht das Gelbe vom Ei ist (diese Redewendung muss ich sehr lange erklären) und dass die Demokratie Kern des Problems und der jetzigen Krise ist, auch: Ich sagte, dass Regime (sic!) sicherlich schlimmer sind, dass es aber keine Staatsform gebe, die perfekt ist.
Ganz am Schluss fragen sie mich noch nach meinen Hobbys (kurz nachdem eine von sich heraus das Duell zwischen Merkel und Schröder ansprach: Ob wir das immer so machen und was das überhaupt bedeutet. Und ob ich was gegen die Merkel hätte, eben weil sie eine Frau ist; ich vertagte diese Fragen auf die nächste Woche, wollte sie ohnehin anschneiden und hätte sehr gern das Duell als DVD, doch das wird mir hier wohl nicht gelingen …):
- Tanzen zum Beispiel …
Sie möchten, dass ich ihnen vortanze, was ich ablehne. Dann möchten sie aus unerfindlichen Gründen, dass ich die Nationalhymne singe, was ich aber auch nicht tue, erst dann, wenn alle Studenten alleine ein Lied singen. Ganz am Ende laden sie mich für Freitag ins Kino ein, wo getanzt wird, dort soll ich doch (bitte, bitte) einige Schritte vorführen und beibringen. Ich sagte, ich werde mir das gut überlegen und jetzt denke ich, es wahrscheinlich wirklich zu machen: ist sicherlich lustig.
Nach dem Seminar gehe ich in die Wohnung, schnappe mir ein Buch und setze mich in den Park, doch an Lesen ist nicht zu denken: die ganze Zeit sprechen mich Menschen an, starren auf mich und wollen sich mit mir unterhalten; so kam ein kleiner Junge:
- Hello!
- Hi!
- Are you english teacher?
- No, I’m the german teacher.
- Goodbye.





March 31st, 2006 at 7:32 am
Hallo Roman, die ersten heutigen Schilderungen(Steak
und so, Essen allgemein, Wohnung) haben mich
wieder China-vorsichtig gemacht…..
aber Dich t a n z e n d…
bitte !!!! laß Dich dabei fotographieren…
Danke.
Fröhliche Grüße Mosella
March 31st, 2006 at 7:33 am
Hi!
Einigen kann man es nie recht machen. Nun sind die Fotos mit den Asiatinnen da, aber so richtig zufrieden stellen können sie nicht. Immerhin ist in der Bilderreihe von oben nach unten schon eine Steigerung zu erkennen. Aber Chinesinnen sind halt doch keine Japanerinnen…
(das liest doch keiner hier, oder?)