Tue 6 Sep 2005
Liebesgrüße auf billigem Papier und eine gewisse Ernsthaftigkeit
Posted by Roman under UncategorizedIch ging in mein Zimmer (eigentlich stehen mir ja zwei Räume zur Verfügung, doch ich habe nicht genug Sachen und so nutze ich also nur eins: ich besitze drei Bücher (die ich natürlich schon gelesen habe), den Laptop und MP3-Player, so wenige Klamotten, dass der Schrank geradezu lächerlich leer ist; überhaupt wird das mit der Kleidung allmählich zum Problem, denn normalerweise, so erzählte Alf, sind es im September 35 bis 40 Grad, doch heute waren es gerade mal 23 Grad, was nicht gerade schlimm klingt, nein, das Problem ist die Luftfeuchtigkeit, die mich alles noch kälter empfinden lässt: die Kleidung ist morgens feucht, klamm und natürlich habe ich nur T-Shirts und so Zeugs eingepackt, einen dicken Winterpulli, für den ist aber zu warm und so weiter; ein Problem), ich ging also in mein Zimmer und rauchte eine Zigarette und dann gleich noch eine, hatte ja Bier gekauft und trank, war froh, die erste Unterrichtsstunde hinter mich gebracht zu haben; und dachte schon an die nächsten, hatte nämlich keine Ahnung, was ich die ganzen zehn Monate über lehren sollte: Es existiert kein Lehrplan, keinerlei Vorgaben sind mir gemacht worden. Und das große Vieh an meinem Fliegengitter hockt immer noch da und wartet nur auf einen Fehler von mir.
Ich ignoriere es und sehe die Telefonkarte: Die Chinesen, wie gesagt, machen alles über diese Karte, sie bekommen also keine Monatsrechung, sondern kaufen die Karten und telefonieren damit, auch Festnetz und also auch daheim. Natürlich ist meine Karte chinesisch und daher ein weiteres Problem. Eine halbe Stunde und einige Nachfragen später begreife ich, dass man eine 200 wählen muss; ich wähle eine 200 und eine chinesische Frau meldet sich, ich lege wieder auf. Wieder einige Zeit später erfahre ich, dass man nach der 200 eine 2 drücken muss und tue das auch: eine Frau ertönt, die mir in Englisch Ratschläge erteilt, die ich aber nicht verstehen kann, zu schnell und zu schlechter Empfang, vielleicht auch zu schlechtes Englisch, keine Ahnung. Ich beobachte die Karte und erkenne eine gewisse Logik, die ich sofort ausprobiere, doch nichts hilft. Also frage ich Fred und zeige ihm meine Karte, doch er versteht sie auch nicht, wahrscheinlich hat er aber einfach nur keine Lust, dem german fellow zu helfen. Jetzt bin ich sicherlich schon eine Stunde beschäftigt und amüsiere mich nun doch: Ich hatte ja mit gewissen Schwierigkeiten gerechnet, doch das Telefonieren gehörte dabei nicht dazu, nein wirklich nicht. Jedenfalls bekam ich nach vielem hin und her raus, was man alles eingeben muss: die 200, die 2, die Nummer der Karte, dann die Geheimnummer der Karte, dann eine 33 und schließlich die eigentliche Telefonnummer. Meine Nummer daheim lautet also ungefähr (ich wär ja schön blöd und gebe meine richtige Nummer im Internet an): 20027320075461193283673300496131123456.
Nachdem das geklärt war, nahm ich mir den Stapel Papiere vor, den die Studenten geschrieben hatten: Das Papier ist hier üblicherweise sehr billig und dünn, allein das Papier meines Arbeitsvertrags war dick und also normal. Ich liste einfach mal ein paar Sätze auf, die geschrieben wurden:
- Ich hoffe, dass sie ein bisschen lauter und deutlicher sprechen und vertauschen mehr mit uns, nämlich sie können nicht seht und sprechen , sondern lassen uns mehr sprechen.
- P.S.: Ich habe eine private Frage. Wie hoch sind Sie?
- Wie lernen die Kenntnis über Deutschland aus Bücher. Aber die meisten Bücher erschienen vor zehn Jahren. So wissen wir nicht das moderne Deutschland.
- Der Ort des Unterrichts ist nicht bestimmt im Klassenzimmer. Wenn das Wetter gut ist, gehen wir aus.
- Zuerst hoffe ich, wir können eine erleichtert und glücklich Atmosphäre in dem Unterricht haben.
- Zwei Stunden erzählen sie allein, würden sie müde und wir etwas langweilig sein.
- Jeder Unterricht hat eine klare Ziel, Übung für Hören oder Lesen. Du kannst uns deine Telefonnummer oder e-mail Adresse geben. Hehe.
- Sprechen Sie ein bischen langsamer!
- Hallo. Ich heiße Feli. Ich freue mich sehr, dass Sie hier kommen. Und herzlichen Wilkommen. Sie sind hoch und hübsch wie wir uns bevor vorgestellt.
- Sie sind mein erster fremder Lehrer. Ich freut mich Sie kennenzulernen. Ich hoffe, Sie können uns neuer Beginn. Ich mag lebhafter Lehrer wie Sie. Mit Ihrer Begeisterung und Ihrer Mühe bringen Sie uns große Interessen an Deutsch.
- Eine Idee weist über meinen Kopf. Es gibt kulturelle Konflikte zwischen uns wir sollen die Konflikte zum kleinesten kürzen, dadurch können wir besser voneinander kennenlernen. Nicht wahr?
- Wir erwarten, Sie könten etwas mehr über Ihre Erlebnisse erzählen. Z.B. Ihre Hobbys, Ihre Liebe usw. Wir werden fröhlich Sie aufnehmen.
- Ich habe eine Bitte. Können wir Sie duzen? Es ist nicht zu höflich aber viel freundlicher. Finden Sie ja?
- Sie sind humorvoll. Dieser Unterricht gefällt mir jetzt sehr gut.
- Sie können mit uns oft an der Uni spazieren gehen, um unser Deutsch zu üben.
- Ich hoffe, vor der Unterricht kann der Lehrer uns ein Thema geben. Dann können wir uns vorbereiten und uns mit dem Lehrer besser unterhalten.
Ich las also die Zettel und war überrascht von dem doch sehr schlechten Deutsch. Dann aber dachte ich daran, dass diese Studenten erst zwei Jahre (manchmal drei) die deutsche Sprache lernen und mir fielen meine vier Semester Russisch ein, nach denen ich ähnlich geschrieben habe, nein, eigentlich viel schlimmer. Auch finde ich, dass der Unterschied zwischen deutscher und chinesischer Sprache so gravierend ist, dass ich selbst nach zwei Jahren Chinesisch-Unterricht nicht viel besser geschrieben hätte. Zum Beispiel ist es so, dass das Chinesische faktisch nur eine sehr rudimentäre Grammatik verbirgt: Es existieren keine Zeiten wie Vergangenheitsform oder Futur, es existieren keine Partikel wie der, die und das. Wenn es in der deutschen Sprache ich gehe, ich ging und ich werde gehen heißt, so steht im Chinesischen stets nur gehen da, der Rest ist aus dem Kontext zu schließen. Die chinesische Sprache beruht zum größten Teil auf dem, so will ich es mal nennen, Vermögen der Kombination und daher sicherlich auch auf der Phantasie und der Reflexion. Es ist selbstverständlich eine komplizierte Sprache, doch die Grammatik ist sehr einfach, weil kaum vorhanden: wie schwer muss es daher den Studenten fallen, sich in die deutsche Sprache einzufinden!
Überhaupt mache ich mir so meine Gedanken, denn die ganze Zeit über hatte ich zwar schon gewusst, dass ich Unterricht halten sollte, aber irgendwie hatte ich geglaubt, auch hier mein Ding durchziehen zu können; nicht unbedingt Kafka, aber halt mein Ding. Dabei ist es so, dass ich hier eine tatsächliche Aufgabe habe, die eine Studentin sehr gut ausgedrückt hat:
- Ich will dringend meine Umgangssprache verbessern, weil ich Magisterprüfung ablegen will. Hoffentlich werden Sie und Ihr Unterricht mir dabei helfen können.
Das ist, denke ich, alles auf den Punkt gebracht und ist aber auch Zeichen einer gewissen Verantwortung, die ich habe, ich kann es nicht besser ausdrücken: Dies hier ist nicht nur mein persönlicher Spaß, mein kleines blödes Abenteuer, welches ich in 30 Jahren meinen Kindern erzählen kann, es geht eben nicht nur um mich und meine egozentrischen Spielchen.
Nein, es geht auch nicht um alles, keine Frage. Es ist immer noch ein Abenteuer und immer noch ein Spaß, aber jetzt ist eben, wen wundert’s, auch der Beruf bei mir angekommen, meine Aufgabe, die ich auch gut machen will, so gut wie eben möglich.
Ich lege mich hin, fühle mich nämlich körperlich nicht gut, bin sehr ernst und auch die letzte Nacht steckt mir in den Knochen: Vorher war es das Adrenalin und der Jetlag spielte keine Rolle, jetzt aber fühle ich mich beschissen und so, als stecke eine Erkältung in meinen Knochen. Was natürlich der pure Horror wäre, denn hier kümmert sich niemand um mich, nicht richtig, nicht mit Herz; und in dieser Situation krank zu werden, wäre wirklich beschissen. Ich schlafe ein und denke vorher noch über mögliche Unterrichtspläne nach, verschiebe dies aber auf den nächsten Tag und hoffe, dass mir etwas einfällt (bisher ist mir meistens irgendwas eingefallen).
Ich wache auf und diesmal klappt alles: kein explodierender Wasserhahn, keine Kakerlaken, nichts. Trotzdem fühle ich mich nicht gut, irgendwie schlapp; ich denke an die Kilos, die ich schon verloren habe und würge etwas Essen hinunter, einen Apfel und süßes Brot, trinke den verdammten löslichen Kaffee. Eigentlich wollte ich ja auf den Campus gehen und Zigaretten kaufen, doch stattdessen schalte ich den Computer an und lese die Emails und Kommentare, die mich wirklich freuen: Es ist schön, dass sich daheim einige Leute für mich interessieren.
Dann beginne ich beinah automatisch, den nächsten Unterricht vorzubereiten: Am Mittwoch soll ich zuerst Landeskunde und danach Linguistik geben. Heute habe ich frei, da der Jahrgang 2004 noch Praktikum macht und erst Oktober kommt. Ich möchte gern in Landeskunde die bevorstehende Wahl machen und surfe umher, suche Fakten, Daten, amüsiere mich über die Dummheit der Leute, die nun wieder Schröder besser als Merkel finden und so weiter. Ich will den Studentin das besondere der Wahl verdeutlichen und möchte gerne meinen Standpunkt mit ihnen diskutieren: dass nämlich die vorgezogene Wahl der größte Scheißdreck ist.
Während des Recherchierens renne ich alle zwei Minuten aufs Klo: mein Urin ist dunkel und ich habe Durchfall; natürlich das Essen und das wenige Trinken. Immer noch fühle ich mich nicht so richtig wohl, irgendwie kränklich und mir ist kalt. Irgendwann gegen 12 Uhr wird es besser und ich habe einen Plan für den Unterricht in Landeskunde. Fred kommt zurück und ich frage ihn, ob er mir sagen kann, wo es hier eine Möglichkeit zum Ausdrucken und Kopieren gibt. Auch das hatte ich mir anders vorgestellt, denn immerhin ist das hier eine Uni, aber noch habe ich, trotz Robert und trotz Alf, keine technische Unterstützung. Fred hat einen Drucker und gibt ihn mir: die nächsten zwei Stunden mühe ich mich, ihn einzurichten, wobei ich mehrmals den Laptop fast zerstöre. Er geht immer noch nicht, als ich die Wohnung verlasse und Alf treffe. Den Fotoapparat nehme ich mit, möchte endlich das Essen und andere Dinge fotografieren.
Wir gehen in ein Lokal und ich möchte etwas ohne Fleisch, bekomme aber Bohnen mit fettigen Fleischbrocken, die mir im Hals stecken bleiben, mehrmals spucke ich Teile in Taschentücher. Auch ist es sehr scharf und treibt mir die Tränen in die Augen. Wieder esse ich nicht auf und mache mir so langsam Sorgen um meine Gesundheit, denn es ist im Grunde längere Zeit her, dass ich ein richtiges Essen hatte und also den Magen voll.
Doch das Scharfe hebt auch meine Laune und nach dem Essen (Alf schaut nur zu, denn natürlich hat er schon gegessen: Die Chinesen leben fürs Essen und essen daher auch strikt zu bestimmten Zeitpunkten, also Mittagessen zwischen elf und zwölf; Alf schüttelt daher auch nur den Kopf über mein 14-Uhr-Essen) gehen wir über den Campus und unterhalten uns über dies und das. Irgendwann erklärt er, dass es für ihn leichter ist, Sie statt Du zu sagen und also befehle ich ihm, mich zu duzen, was er dann auch macht, doch seinerseits besteht, dass ich ihn ebenso duze.
Ich erkläre, dass ich ihn gerne zu seinem Zuhause bringen möchte und er zückt sofort das Handy, ruft seine Freundin an und warnt sie vor:
- Du musst deine Freundin nicht warnen.
- Ich nicht warnen.
- Natürlich hast du das. Aber ich komme doch gar nicht in die Wohnung mit, ich bringe dich nur hin.
- Du kommst mit rein.
Wir gehen einen recht schönen Weg lang und ich denke kurz daran, Fotos zu machen, lasse es aber sein, möchte nicht, kann das alles noch später machen, habe ja Zeit, zehn Monate.
Ich muss mit in die Wohnung und es erinnert mich an meine Studentenbude in Laubenheim: sehr klein, doch im Gegensatz zu mir sauber, ordentlich. Die Freundin ist sehr schüchtern und schaut mich kaum an. Es ist keine Küche da, doch die beiden haben einen kleinen Kocher und machen darin auch Huhn mit Nudeln, wozu sie sich das nächste Mal einladen; ich sage zu und gehe wieder. Alf besteht darauf, mich zu begleiten:
- Hier ist es in der Nacht sehr dunkel und daher ich schicken meine Freundin nach Hause.
- Du schickst deine Freundin nachts nach Hause? Das ist aber nicht nett, nein.
- Nicht nett? Doch nett!
- Sie schicken?
- Ich bringen nach Hause!
- Aha! Schicken heißt, du sagst zu ihr: Und jetzt gehst du nach Hause.
Er wird rot angesichts dieser Vorstellung und die beiden gefallen mir, sind eindeutig verliebt und das Zimmer erinnert mich an meine frühere Situation und so weiter. Ich erkläre ihm, einen Tanzkurz gemacht zu haben, was er nicht glauben kann; jedenfalls bis ich ihm einige Schritte vorführe.
Ich komme in der Wohnung an und versuche wieder zu arbeiten, möchte mich jetzt um mein Linguistik-Seminar kümmern: Natürlich weiß ich, was Linguistik ist, doch die Vorstellung, mit den Studenten Semantik und Phonetik zu machen, ist mehr als absurd: Es ist viel zu kompliziert. Also versuche ich, herauszufinden, ob in China Linguistik irgendwas anderes bedeutet, finde aber nichts, habe die Studenten gefragt, doch weder die noch Kollegen können mir Auskunft geben: es ist eher so, dass sie meine Frage nicht verstehen.
Robert klingelt und wir setzen uns vor den Laptop, unterhalten uns über Politik. Er duzt mich, doch ich sieze ihn weiter, habe keine Lust, ihn zu korrigieren. Ich erkläre ihm, dass Westerwelle homosexuell ist und er fragt mich, was das für eine Partei ist. Er will wissen, warum die Berichterstattung über die Vogelgrippe in Deutschland anders ist als in China und ich erkläre es ihm.
Dann kommt zum ersten Mal seit meiner Ankunft Herr Zhao zu Besuch und fragt mich, ob es mir gut geht und so weiter. Auch ihn frage ich über Linguistik aus, aber auch er antwortet mir nicht so recht; stattdessen erfahre ich, dass ich Donnerstagsabends den chinesischen Deutschlehrern Unterricht geben soll und bin doch verwundert, werde ja sehen, was da wieder kommt; nachdem er weg ist, gehe ich zu Fred, der im Wohnzimmer raucht, wie immer:
- This fucking Linguistik.
- (wissendes Lächeln, nicken, rauchen)
Ich gehe in mein Zimmer zurück, rauche.
- Do you want one or two eggs with your steak?
- No, I don’t want a steak …
- Why not?
- Because I have this pain in my heart …
Ich erkläre ihm, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, denn er hat mich ja schon gestern zweimal zum Essen eingeladen und ich kann nichts zurückgeben, noch nicht. Er nickt:
- Do you want two eggs or one?
Ich protestiere und er sagt, dass er mir hilft, weil er die Situation selbst kennt und weiß, wie beschissen es ist. Also bleibe ich in der Küche und helfe ihm beim Kochen, bestehe aber weiterhin darauf, nur ein Ei zu essen. Zum ersten Mal heute geht es mir richtig gut und ich denke, dass dies der rechte Zeitpunkt ist, mit dem Schreiben aufzuhören.





March 31st, 2006 at 7:31 am
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