Mon 5 Sep 2005
Unglücklicherweise war die ganze Sache wohl auch für mich zu spannend, denn ich lag die letzte Nacht bis vier Uhr wach, hörte Metallica über den MP3-Player (das Ding und der lösliche Kaffee retten mir das Leben), die St. Anger selbstverständlich, und beobachtete die Stechmücke, die sich trotz der Gitter in die Wohnung geschlichen hatte. Eine große Stechmücke: Zuerst einmal überschüttete ich mich mit Autan, dann versuchte ich sie zu fangen.
Menschen, die mich etwas besser kennen, wissen, dass ich sehr gut im Stechmückenkillen bin, doch die chinesischen sind nicht nur größer, nein, sie sind härter, schneller und einfach besser: sie verstecken sich an anderen Orten und handeln insgesamt ganz anders, fremdartiger. Ich erwischte sie also nicht.
Natürlich dachte ich an die Malaria-Tabletten in meinem Kulturbeutel, vierzig Stück; doch dann schlief ich eben dennoch ein und verschlief selbstredend. In der Nacht träumte ich von Fred, der mir erzählt, dass er in einem Film gesehen hat, wie sechs Frauen vergewaltigt werden, drei Menschen sich getötet haben und einige Männer eine Frau umbringen: sie vergewaltigen sie, schneiden ihr den Kopf ab und legen den Kopf auf eine Treppe; und dies alles innerhalb eines Jahres, erzählt Fred weiter, in einem Jahr in einer Stadt! Was ein Film!
Eine Stunde zu spät ging ich meine Wege, was bedeutet: ich stehe auf und humple in die Küche, gehe zurück ins Zimmer und nehme die Zahnpasta und so weiter. Ich dusche, doch zuvor sehe ich noch diese große Kakerlake neben dem Sofa.

Ich gehe weiter und dusche erst einmal. Das Ding lebt noch, aber ich bewahre Nerven und mache mich sauber, setze einen scheiß-löslichen Kaffee auf (das Zeug bringt mich um, es ätzt alles weg in mir) und stelle mich auf die Waage: zwei Kilo weniger in drei Tagen, sehr gut, man kann ja heutzutage nicht dünn genug sein, denke ich und sehe wieder hin zu dem Vieh, sehe wieder hin und rauche erst einmal eine Zigarette, mache einen großen Bogen.
Dann ist es Zeit und ich verlasse die Wohnung, spanne den Regenschirm auf, denn es pisst: ich habe mir einen Schirm kaufen müssen, weil, so Alf, es hier ohne nicht geht; also kaufe ich einen.
Alf wartet auch schon an der Treppe,
- Guten Morgen!
- Guten Morgen, Herr Halsmann!
- Wie geht es Ihnen heute?
- Gehen?
- Ja, wir gehen jetzt.
- Wir gehen.
Also gehen wir und auf der Straße merke ich erst, wie müde ich wirklich bin,
- Herr Halsmann …
- Ja?
- Wieder lange geschlafen?
- Bis neun Uhr.
- (Lachen)
- Aber ich bin erst um vier Uhr in das Bett …
- Vier Uhr? Gestern?
- Ja, gestern, ich habe 17 Stunden geschlafen, am Stück.
- Sehr gut.
- Ja.
Wir kommen im Foreign Center an und ich unterschreibe den Vertrag, lese ihn minutenlang gewissenhaft durch, habe nämlich erfahren, dass hier sehr gern Änderungen vorgenommen werden; dann schütteln wir uns die Hände, ich und die Leiterin. Sie fragt mich, ob alles in Ordnung ist, doch ich erkläre, not satisfied mit der Wohnung zu sein und sehr froh, wenn ich eine eigene erhalte. Sie nickt und meint, nächste Woche wäre das der Fall. Ich freue mich künstlich und gehe mit Alf aus dem Gebäude.
Jetzt möchte ich frühstücken: die letzten zwei Tage hatten beide Studenten mich immer wieder gefragt, ob ich nicht frühstücken wolle, doch ich lehnte ab; diesmal sage ich zu und wir gehen zum Eingang des Campus. Ich erwarte sicherlich keinen Kaffee, so blöd bin ich nun doch nicht, aber wir gehen in eine Art Bäckerei, kaufen dort süße Kuchen, setzen uns hin und essen in unseren tropfenden Jacken und ohne irgendein Getränk eine Art von Kuchen oder eher Teilchen. Als ich Alf frage, ob dies hier ein Frühstück sei, nickt er und isst konzentriert weiter, mit gesenktem Blick und mahlenden Backen. Danach kaufen wir wieder einmal Zigaretten (ich rauche zuviel) und er brachte mich in meine Wohnung.
Hier machte ich einen Kaffee und wusste: es führt kein Weg mehr an der Kakerlake vorbei. Sie hatte sich auch umpositioniert, würde vielleicht bald wieder zu Kräften kommen und mich auslöschen wollen. Ich trank den Kaffee, rauchte; ich surfte und rauchte. Dann nahm ich Eimer und Besen, kehrte die Küche, putzte den Boden.
Es klopft: Robert. Er hat Kopien dabei: chinesische Symbole zum Essensbestellen. Ich bitte ihn herein und wir üben die Betonung. Ich putze derweil weiter. Fred kommt und schaut mir zu. Ich bin mit der Küche fertig und tu überrascht:
- Hey, look this big big cockroach here!
- (Schmunzeln) Big? It’s not big.
Robert tritt hinzu und schaut betreten. Ich frage ihn und er lacht, erklärt mir, dass diese hier klein ist und dass die Kakerlaken aus Deutschland nach China kommen, mit dem Flugzeug. Ich hake nach, doch er beharrt auf dieser Feststellung und lächelt.
Ich schicke Robert weg (was lange dauert) und Fred lädt mich zum Essen ein, er macht Nudeln. Ich nehme den Handfeger und bekomme damit das Vieh auf die Schippe, doch jetzt lebt es wieder und zwar mit aller Kraft. Ich nehme einen Zettel und lege den über das Ding, haue mit dem Besenstiel drauf und höre das Knacken des Panzers: Das Papier wird feucht. Ich nehme es weg und sie lebt immer noch, unfassbar. Doch dann erledige ich sie und mache einen auf cool, esse mit Fred die Nudeln.
Nudeln mit dem Stäbchen zu essen ist sehr einfach, denn man schlürft sie nur so in die Kehle, das geht und hat gut geschmeckt. Er erzählt mir indes über die Kakerlaken in chinesischen Apotheken, denn hier dienen sie auch als Medikament. Werde ich irgendwann später einmal recherchieren. Jedenfalls ist hin und wieder die Küche voll mit dem Zeugs und es sind dann größere, okay. Da fällt mir ein, dass ich während des Putzens mit Robert über das Buch Gullivers Reisen sprach, über das Land der Riesen vor allem. Er wollte partout, dass ich die Riesen verachte und Gulliver toll finde, doch das war zu einfach; also lobte ich die Riesen und ihre Art zu leben, was ihn sehr verunsicherte.
Dann war es Zeit für mein erstes Seminar: Konversation. Ich hatte keine Ahnung, was damit gemeint war und niemand hatte es mir erklären können. Wieder einmal holte mich Alf ab (der mir sehr ans Herz gewachsen ist: ein netter Kerl, wirklich, heißt in Wahrheit Ju pu oder so) und wir gehen ins Institut, kommen gerade rechtzeitig an. Ich betrete den Klassenraum und es ist unheimlich: uralte Bänke und ein großes Stehpult. Wie in Deutschland vor 100 Jahren, genau so, ich werde es diese Woche noch fotografieren, keine Frage. Die Studenten waren schon so gut wie alle da und es sind nur Frauen, ein Mann, Robert. Ich beginne mit mir, sage, dass ich sehr groß bin (kreischendes Lachen), schreibe meinen Namen an die Tafel, erzähle was ich getan habe, wo ich herkomme und so weiter. Wie es mir in China gefällt und wo ich Unterschiede sehe (Straßenverkehr!). Ich erzähle ihnen von Freunden in Deutschland, die mir erklärten, ihn China gebe es keine Toiletten, keine Taschentücher und dass der Strom um 22 Uhr in ganz China abgestellt werde. Sie schütteln die Köpfe und ich sage, dass dies eben in jedem Land so sei, diese Gerüchteküche; dann erklärte ich Gerüchteküche.
Dann nehme ich die Fotos heraus: Von meinem Vater. Er ist Heizungssanitär, sage ich, und erkläre dies anhand der Ableitungen Sanitäter und sanitare. Sie sind sehr still, schauen nur, reden nicht, lachen oft. Ich zeige ein Bild der Stadtmühle und erläutere die Vokalverschiebung mahlen, Mehl, Mühle. Meine Schwester. Hier erläutere ich Irrenanstalten und so weiter. Mein Neffe. Ich erzähle, wie der in Deutschland lebt: mit Playstation und Handy und so weiter. Meine Freundin (sorry, Liebste, aber das war es wert, wirklich: sie konnten sich gar nicht sattsehen an deinem Bild!). Sie fragten immer nach, dem Alter zum Beispiel; als ich sagte, mein Vater wäre 55, da waren sie fassungslos: So jung! Ich erklärte, dass meine Schwester fast 4 Jahre älter sei und sie schockgefroren. Dass meine Eltern so früh Kinder zeugten, ist ihnen undenkbar. Ich sagte, in Deutschland sei dies eben so und dann zeigte ich noch ein Foto von Kafka und erklärte, dass dies hier mein Leben sei, meine Leidenschaft, Kafka und die Literatur; dann war schon Pause und danach ließ ich sie den Test schreiben, der jetzt vor mir liegt. Sie sollten ihre Erwartungen an den Deutschlehrer aufschreiben und hatten eine halbe Stunde Zeit. Ich lese sie nachher und schreibe dann was dazu. (Ein Zitat von Katharina schon einmal, die einige Erwartungen hat, dann am Schluss schreibt: Die sind meine Erwartungen über den Unterricht. Ich glaube, dass sie der Lehrer sind, der die Erwartungen verwirklichen.
Dazu ist ein kleines Herzchen gemalt.)
Nach dem Unterricht erklärt mir Alf, dass es sehr gut gewesen wäre und ich finde das auch. Nur eine Sache hat er zu bemängeln:
- Warum Sie geben ihnen Hausaufgaben?
- Warum nicht?
- Wir nie bekommen Hausaufgaben.
Ich schluckte und sagte, dass dies eben nun so sei und bin mal gespannt, wie die Studenten auf meine Hausaufgaben reagieren (ich gab ihnen auf, sich ein Namensschild zu malen und sich zudem eine Geschichte aus ihrem Leben zu denken, welches sie dann erzählen können, irgendeine interessante Geschichte … ich finde nicht, dass dies zuviel erwartet ist, wirklich).
Danach gingen wir noch ins Dozentenbüro, wo eine Kollegin mich empfängt und mir sagt, dass es mir nicht gut geht; ich verneine, doch sie besteht darauf: hier geht es niemandem gut, nicht lange jedenfalls. Ich lache und sie meint es ernst. Meinen Vertrag habe ich unterschrieben, erkläre ich und sie nickt ernst: Dann ist es zu spät für Sie. Wieder lache ich und wir gehen aus dem Büro. Ich frage noch, ob es hier eine Möglichkeit gibt, zu drucken, doch keiner kann mir helfen, keiner. Ich muss mich also am nächsten Tag nach einer Möglichkeit umsehen, denn am Mittwoch unterrichte ich Landeskunde und möchte gerne die anstehende Wahl mit ihnen durchgehen; in diesem Zusammenhang erklärte ich den Studenten schon, eine Meinung zu dieser Wahl zu haben und diese gerne mit ihnen diskutieren zu wollen; natürlich schweigen sie.
Wir verlassen das Institut und besorgen mir eine Telefonkarte: Die Chinesen machen alles über Karte, nicht über Rechnung, also brauche ich eine Auslandstelefonkarte. Wir kaufen eine.
Alf hat seine Freundin dabei und ich brauche zwei lange Minuten, um ihn zu überzeugen, dass ich alleine zurecht komme. Dann machen wir einen Termin für Morgen aus:
- Morgen wollen Sie?
- Ja, morgen will ich drucken und das mit der Telefonkarte machen und auch etwas essen.
- Essen? Jetzt?
- Nein. Morgen.
- Morgen. Wann sollen abholen?
- Wann haben Sie Zeit?
- Ich? (Lachen, sehr unsicher). Ich immer Zeit …
- Ich auch. Ich habe morgen frei. Also?
- Also?
- Also? Wann haben Sie Zeit?
- Sagen Sie!
- Nein. Sie sind jung und haben bestimmt etwas vor.
- Ich nicht vorhaben.
- Natürlich haben Sie etwas vor, lügen sie nicht!
- (Lachen, er wird rot) Ich nicht lügen!
- Doch! Also? Wann haben Sie Zeit?
- (Langes Getuschel mit der Freundin) 14 Uhr?
- Gut.
Es ist so gut wie unmöglich, die Chinesen etwas bestimmen zu lassen und ich bin stolz, dass es mir einmal gelungen ist.
Ich gehe alleine in die Wohnung und erzähle Fred meinen Fehler mit den Hausaufgaben:
- Don’t mind, it horrors them to death and that’s good.





March 31st, 2006 at 7:28 am
Hoi Roman,
grundsätzlich ist jeder der Meinung hier, dass man nicht weiß, ob man dich beneiden oder bemitleiden soll.
Lass Dich nicht von den Chinesen irritieren. Hausaufgaben machen stark und hinterlassen einen bleibenden Eindruck.
Wie warm ist es da eigentlich? Auf den Bildern haben einige ja sogar ne Jacke an?!
Ich würde gerne Bilder von Robert, Fred, Alf und den anderen sehen!
Halt durch!
Wolfgang
March 31st, 2006 at 7:28 am
Habe soeben alle Beiträge in einem Rutsch durchgelesen, schön lebhaft war’s, eindrucksvoll geschildert. Gute Arbeit Roman, nicht nachlassen und Bilder beifügen, dass man mal weiß wer alle diese Gestalten sind (Alf, Fred und vor allem diese Studentinnen, die da ständig kochen wollen!!). Bitte auch mehr von Begegnungen mit der dortigen Insekten- plus insbesondere Schabenwelt. Wenn Du des abends so an die Decke starrst, denk, dass auch im guten alten Mainz man in Gedanken bei Dir in der gelben Hölle weilt…
March 31st, 2006 at 7:28 am
Hallo Roman, Du siehst, inzwischen ist die Öffentlich-
keit sehr an Deiner Lage interessiert….
die einen wollen mehr Insekten und Frauen, die kochen…
Wir an der Mosel stehn natürlich auf dem Sprung, bei Bedarf “lebenswichtige Utensilien in die asiatische
!Noch-Diaspora” zu senden…
Also, take care(wie heißt das auf chinesisch?)
Grüße von Mosella
March 31st, 2006 at 7:29 am
Hi!
Ich bin etwas überrascht über die guten Rechtschreibung Deiner Schüler (vorausgesetzt, Du hast sie nicht korrigert). Angesichts der Tatsache, dass das lateinische Alphabet im Chinesischen wohl nicht genutzt wird, hätte ich das Schlimmes erwartet (oder beherrscht man das dort auch als nicht westliche Sprachen Sprechender?).
March 31st, 2006 at 7:29 am
So, ich wieder. Da man meinen obigen Kommentar aufgrund seiner Fehler schon allgemein als ironisch deutet, hier die v.1.1 (der letzte Teil in Klammern ist übrigens nur auf den ersten Blick komisch und macht bei zweitem Lesen Sinn):
Ich bin etwas überrascht angesichts der guten Rechtschreibung Deiner Schüler (vorausgesetzt, Du hast sie nicht korrigiert). Angesichts der Tatsache, dass das lateinische Alphabet im Chinesischen wohl nicht genutzt wird, hätte ich da deutlich Schlimmeres erwartet (oder beherrscht man das dort auch als nicht westliche Sprachen Sprechender?).
Bei der Gelegenheit hole ich auch noch meinen vergessenen Abschiedsgruß nach.
Also, mach’s gut!
Timo