Okay, noch während Alf den Computer einrichtet, chinesische Einwahlnummer und so, erklärt Fred, dass zwei Studentinnen für ihn und mich kochen werden. So eine Art Willkommensgruß. Ich bin hoch erfreut und erkläre Alf, dass er nun frei hat.
Alf ist im vierten Jahrgang, also der obersten Stufe vorm Magister; er versteht mich sehr gut, obwohl ich, wie immer, sehr schnell spreche und viele Witze mache: Irgendwann fragt er mich, ob alle Deutschen so lustig sind, doch ich erkläre, ich wäre eigentlich der einzige lustige Mensch in Europa … anhand seines Blicks war nicht auszumachen, ob er den Witz verstand oder nicht. Überhaupt ist hier vieles Klischee: Die Deutschen sind dies und das und so weiter. Zum Beispiel erklärte mir eine Studentin, dass sie einmal einen Deutschen gesehen hätte (in Changsha), der eben dick und klein gewesen sei; aus diesem Grund hatte sie geglaubt, dass alle Deutschen dick und klein wären. Doch letztlich gilt dieses Denken in Klischees ja auch für uns, denn die Chinesen sind zum Beispiel nicht alle klein, haben Toiletten und auch Taschentücher … Man weiß halt so wenig voneinander.
Gegen Abend kommen vier junge Frauen und beginnen mit dem Kochen, brauchen dazu über zwei Stunden. Es gibt vier Speisen, dazu Reis, und jede Frau läuft rot an, wenn man von ihrem Essen nimmt. Es ist ein wenig wie im Wunderland, denn diese Frauen freuen sich und es ehrt sie, uns zu bewirten: sie kochen, essen still mit, räumen ab, spülen und sind überglücklich, wenn sie gelobt werden. Wir sitzen noch herum und rauchen, reden über dies und das und ich gehe irgendwann in meinen Bereich der Wohnung. Übrigens: Ich lese momentan ein sehr gutes Buch über einen deutschen Autor, der sich schütteln musste vor Rigorositäten von ganz ganz oben und behelfs des verstranguliert poetisierte und hin und wieder ganze Brocken einfach wegschnitt und den Lesern zur Phantasie überließ; ein sehr gutes Buch, wahrhaftig.
Zur Wohnung: Sie ist sehr groß und jeder hat zwei Zimmer für sich, einen Raum mit Fernseher, eine Küche und ein Bad.

Die Waschmaschine ist ein Wunderding (vielleicht mache ich ja mal ein Bild von ihr, doch erst dann, wenn Fred weg ist, sonst denkt er endgültig, ich wäre ein dummer Spinner), der Fernseher auch, doch das Programm ist unter aller Sau: Zumeist hüpfen Mädchen im Minirock rum oder es laufen entsetzliche Samurai-Kämpfe: Ein Held steht vor einer zehntausendköpfigen Armee und röhrt plötzlich, verdreht die Augen, wirft die Arme in die Luft und stampft kräftig mit dem linken Bein auf und unter den Soldaten bricht die Erde auseinander und verschluckt sie … Kaum zu ertragen. Es sind über 60 von diesen Kanälen …
Ich lege mich aufs Bett und schlafe ein, bin immerhin für Sonntag mit Alf verabredet, am 11 Uhr soll er kommen …

Sonntag

… und kommt aber früher, überreicht mir einen Zettel von Robert. Vorher aber stand ich auf, ging in die Küche und wollte mir einen löslichen Kaffee machen, doch der Wasserhahn riss urplötzlich entzwei und ich bekam die Fluten erst nach Minuten gebändigt: Dass ich lachte und milde kopfschüttelnd in die Dusche hüpfte, ist allein der Gewohnheit zuzuschreiben, wirklich wahr. Ich duschte, machte Kaffee und da klopfte schon Alf und hatte einen Freund dabei, der mein Telefon reparieren wollte. Irgendwann ging es dann, doch meinten sie, ich müsste mir eine Karte kaufen:
- Was für eine Karte?
- (Lachen) Eine Telefonkarte, Mister.
- Wozu?
- Zum telefon …
- Aha … und wozu?
- Dann gehen und können in China telefonieren.
- Ich will aber nach Deutschland anrufen …
- (Verwirrung) Deutschland geht nicht!
- Doch! Fred geht nach Australien, dann kann ich auch!
- Sie kaufen Karte in Xiangtan?
- Keine Ahnung … muss ich?
- Was müssen?
Ja, ich weiß, sie meinen es gut und so weiter, aber hin und wieder ist es doch recht anstrengend, denn man muss hundertmal nachfragen und immer noch weiß keiner so richtig bescheid. Jedenfalls hat heute das Telefon einmal geklingelt und da war es falsch verbunden …
So, der Freund ging dann und ich las jetzt den sehr netten Zettel von Robert, der mich heute morgen um 8 Uhr 15 zum Frühstück hatte abholen wollen, aber: war jedoch niemand da oder hatten Sie noch Schlaf. Daraufhin lachte ich und Alf unterhielt sich mit mir rege über die deutschen Schlafgewohnheiten, denn nun dachte er natürlich, alle Deutschen schlafen bis 10 Uhr. Ich erklärte dies und das und wir gingen weg, nämlich mit dem Bus nach Xiangtan, eine, so Alf, kleine Stadt, nur drei Millionen Einwohner.

Ich erklärte ihm Mainz und andere deutsche Verhältnisse, doch verstanden hat er es wohl nicht, kein Wunder eigentlich. Der Bus ist sehr klein und so weiter, schmutzig und Xiangtan sehr aufregend: ich habe Bilder gemacht, doch auf denen sieht alles sehr statisch aus, sehr gewöhnlich, leider wie alle Fotos aus China, schade.

Hier kauften wir ein und Alf erzählte mir, er habe eine Freundin (der dicke Knutschfleck am Hals hatte also einen Grund!) und wolle über Kafka in diesem Jahr eine Arbeit schreiben. Mein großer Auftritt! Wir sprachen über Kafka und ich mühte mich, ihm die Literatur zu erklären oder meine Begeisterung für sie wenigstens begreiflich zu machen, was mir vielleicht auch gelungen ist, keine Ahnung, denn sie lächeln ja immer und sind immer nett (fast immer, wie sich noch zeigen wird).

Zurück auf dem Campus (auch hier machte ich einige Aufnahmen) kaufte ich ein, unter anderem zum ersten Mal chinesische Zigaretten, da mein Drum-Tabak leider, leider alle war. Sie nennen sich Baisha und kosten 5 Yuan, also weniger als ein Euro, nur leider schmecken sie nicht, doch egal. Immerhin lachen Robert und Alf immer dann, wenn ich mir wieder eine Zigarette anzünde: sie rauchen nicht und wundern sich, wenn ich erkläre, dass ich so oft es geht eben rauche. Ich könnte auf die Ironie verzichten, kann es aber nicht …

Wir gehen wieder essen und diesmal erwähne ich, dass ich nicht allzu gern Fleisch esse, bekomme daher zum größten Teil Gemüse. Stäbchen sind immer noch ein Problem. Die Restaurants sind im Grunde Räume mit winziger Küche, ich sitzen mitten in der Küche und die Gäste werfen die Kippen auf den Boden, was ich noch nicht getan habe, die blöde Erziehung … Diesmal essen wir auf dem Marktplatz, auf dem es alles zu kaufen gibt: seltsame Tiere und noch seltsameres Gemüse, alles halbwegs lebendig.

Ich erzähle Alf von Deutschland und er ist ziemlich clever, lacht an den halbwegs richtigen Stellen, reagiert regelgerecht; ich bin zufrieden, zünde mir auf der Straße eine Zigarette an und wir gehen zu meiner Wohnung. Vor dem Eingang erkläre ich ihm, dass ich noch zu enden rauchen wolle, doch er versteht mich nicht, denkt, ich möchte noch verweilen, schaut ganz mitleidig, denkt, ich hätte ein Problem. Man raucht hier wirklich überall und kann auch überall seine Kippe wegwerfen, daher das völlige Unverständnis. Also tue ich so, als wolle ich versonnen vor dem Eingang rumstehen.

In meinem Zimmer brauche ich eine Auszeit und lese die Enmails, auch die Kommentare zum Blog, ärgere mich ein wenig, dass es so wenig sind, brauche doch, wie alle, Zuspruch in der Fremde … lege mich hin und starre an die Decke … Fred kommt mit zwei Studentinnen aus Changsha: er hat Heineken-Bier gekauft, Pulverkaffee (die Chinesen trinken überhaupt keinen Kaffee, was mich umbringt) und andere Dinge. Leider nicht für mich. Ich muss nächstes Wochenende unbedingt dahin!
Plötzlich kommt Robert und will mit mir rumgehen. Also gehen wir und wandern über den Campus. Ich möchte gern einen Tee trinken:
- Kann man hier nur Tee trinken?
- Überall Sie können Tee trinken.
- Nur so, ohne Essen? Einfach grünen Tee oder so was, einfach so?
- An den meisten Orten …
Wir gehen und kommen an einer Spinne vorbei, die so wahnwitzig groß war, dass ich sie Robert zeigte, doch der nickte nur. Mir wurde schlecht und momentan hängt draußen an meinem Fliegengitter (jedes Fenster hat so was) ein seltsames Insekt, sehr groß und ausgesprochen stoisch, nur auf den entscheidenden Fehler von mir wartend … Wir betreten ein Restaurant und ich erkläre Robert, keinen Hunger zu haben, doch er versteht mich nicht, versteht DAS nicht, bestellt Essen; er kann es nicht verstehen, denn so etwas gibt es nicht, keinen Hunger zu haben. Der Tee zum Essen ist immer dünn und im Grunde heißes Wasser; ich verstehe: hier sitzt man nicht einfach da und trinkt ruhig Tee, hier muss man essen. Also esse ich. Wieder reden wir über Deutschland, doch inzwischen bin ich ein wenig verärgert und rede noch mehr als gewöhnlich.
Robert gehört zur zweiten Stufe, also der Stufe, in der ich morgen um 14 Uhr zum ersten Mal Unterricht gebe. Auf dem Weg zum Restaurant sprachen wir über den Unterricht und darüber, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, was ich unterrichten soll: Auf diesbezügliche Frage, erklärte Herr Zhao, mein Kollege, mir ja nur, dass Übung den Meister mache und ähnliches. Was nichts hilft. Während des Gesprächs bekomme ich plötzlich das Gefühl, Robert nimmt mich nicht so recht ernst, denkt, ich bin ein Idiot.
In den zwei Tagen habe ich schon zweimal gehört, dass die neuen ausländischen Lehrer zu Beginn sehr nervös sind und die Klassen fragen, was sie machen wollen. Worauf die Klassen erklären, DVDs schauen zu wollen und so weiter. Sie nehmen uns wohl nicht so recht ernst und belächeln unsere Nervosität und Unsicherheit. Ich kann das Gefühl schlecht beschreiben, doch jedenfalls hatte ich plötzlich eine Idee, die ich sofort nach meiner Heimkehr Fred berichtete:
- I’m angry!
- Why?
- Because they think I’m a bloody idiot!
Ich erläutere Fred, gleich morgen in der ersten Stunde einen Test schreiben zu wollen: Ich möchte es anders machen als die anderen Lehrer. Auch bin ich überzeugt davon, dass sich auf dem Campus schon rumgesprochen hat, dass ich lustig bin und daher kaum zu respektieren. In diesem Test sollen die Studenten aufschreiben, was sie sich von dem neuen ausländischen Lehrer erwarten. Ich werde dann die Aufsätze einsammeln und daheim lesen: Dies hätte den Vorteil, dass ich ihr Niveau kenne und zum anderen weiß, was sie wollen.
Ich denke (und Fred auch), dass sie mich hassen werden, doch nach Freds Meinung habe ich die Sache hier sehr schnell durchschaut … Ich bin froh, dass der Text nun auch noch ein Spannungsmoment hat: Wie werden die Studenten reagieren? Was werden sie schreiben? Werden sie überhaupt etwas schreiben?
Zudem habe ich morgen früh einen Termin mit der Leitung des Instituts, hier werde ich den Arbeitsvertrag aushandeln und unterschreiben … also wenn das nicht spannend genug ist, dann weiß ich es auch nicht mehr …