Sat 3 Sep 2005
Ich sage also Fred Hallo, er hat Damenbesuch und erklärt mir sofort, auf wen ich aufpassen soll hier, wem ich nicht vertrauen kann und so weiter. Fred ist 65 Jahre alt, raucht Kette und ist Australier. Ich nicke und gehe dann mit Robert noch einmal auf den Campus, möchte nämlich etwas zu trinken kaufen.
Robert hat natürlich in Wirklichkeit einen völlig anderen Namen, doch den Lehrern zuliebe und aufgrund der Einfachheit geben die Studenten sich deutsche Namen, was schon sehr seltsam ist.
Ich gehe also mit Robert herum und kaufe Bier alles sehr günstig. Selbst an der Uni reagieren die Chinesen zumeist völlig überrascht bei meinem Anblick, in dem kleinen Laden traut die Frau sich kaum den Blick zu heben und lächelt sehr still vor sich hin. Wir spazieren noch ein wenig umher und schließlich komme ich in meine Wohnung zurück.
Fred ist allein und wir unterhalten uns über dies und das China natürlich. Immer mehr bekomme ich den Eindruck, wie abenteuerlich das hier eigentlich ist: Wir sind hier im tiefsten chinesischen Hinterland und im Supermarkt kann man gefrorenen Hund kaufen; es ist keine touristisch interessante Gegend und also ist es sehr ursprünglich und deshalb eben auch schwierig. Fred hilft mir mit seinen Infos schon, doch muss man auch sagen, dass all dies hier etwas von gestrandeten Europäern im Dschungel hat: Wir sitzen inmitten des Chaos, schwitzen und rauchen Kette, sehen beide uralt aus, ich trinke ein Reisbier, das Fred ablehnen muss, eben weil er sich hier den Magen ruiniert hat auch von dem Bier. Mir hat es aber eigentlich ziemlich gut geschmeckt.
Irgendwann gegen 1 Uhr bin ich dann in meine zwei Zimmer, wollte noch schnell einige Geräte aufladen, doch die Stecker passten nicht okay. Doch als dann auch der Funkwecker nicht funktionierte, wurde mir erst so richtig bewusst, wie weit das alles hier weg ist: zu weit eben vom Signalgeber des Weckers, was bestimmt weit ist. Der Wecker zählt nun immer fünf Sekunden und beginnt von vorne. Ich fiel ins Bett und war in diesem Sinn nicht gerade supergut drauf …
Am nächsten Tag hatte ich mich mit Robert für zehn Uhr verabredet, denn ich wollte den Jetlag schnell loswerden und also früh aufstehen. Um sieben Uhr war ich aber schon wach und lauschte dem Schreien, Hupen und diversem anderen Lärm. Von Müdigkeit keine Spur. Ich also auf und geduscht: Die Dusche ist eigentlich über dem Klo; man zieht einen Vorhang durch das winzige Badezimmer und kann so duschen, ohne direkt im Klo zu stehen. Übrigens ist das Klo westlich, also kein Loch im Boden Fred hat das aufgrund seines Alters.
Robert holt mich ab. Die Studenten sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit selbstverständlich nicht ohne Hintergedanken. Jedenfalls erklärte Fred mir in der Nacht zuvor, dass die Studentinnen mich aufgrund meiner Größe lieben würden: Are you marriaged Not yet Very good, that will make them crazy … Wir lachen.
Robert und ich beschließen, erst einmal ins Foreign Center zu gehen immerhin habe ich noch keinen Schlüssel für die Wohnung und so weiter. Dort treffen wir eine Frau, die mir tatsächlich den Schlüssel aushändigt und dabei erklärt, dass ich in zwei Wochen meine eigene Wohnung erhalten soll; sie wird noch eingerichtet. Ich nicke und äuge in den Tee, den wir bekommen haben: Hier bekommt man stets Tee, bei jeder Gelegenheit. Dieses Gespräch war zum Beispiel so kurz, dass keiner von uns dreien auch nur einen Schluck trinken konnte unberührt bleiben die Teetassen zurück. Plötzlich erfahre ich, dass ich am Montag keinen Unterricht habe und nicke wieder, im Grund ist das einfach nur noch lustig.
Wir gehen uns den Campus anschauen und am Tag ist hier Chaos pur: Wir fahren mit einem kleinen Bus über den Campus und mir wird Angst und Bange. Überall Hektik und Schreierei, kaum zu beschreiben. Plötzlich kommt eine Herde Mädchen auf mich zugelaufen und wollen mit mir fotografiert werden natürlich sage ich ja und sie kreischen in der Tat vor Freude (das hatte ich in Deutschland schon lange nicht mehr).
Endlich gegen 12 gehen wir etwas essen und Robert führt mich zum Markt: Eine enge Straße, übersät mit Geschäften und eben Chinesen. Ich betrete ein Lokal, es ist sehr schmutzig, die Tische kleben mir an den Händen, alles ist fettig, sehr viele Fliegen. Er bestellt für mich mit und dann gehen wir in die Küche, gucken uns die Zutaten an: Überhaupt sind die Chinesen allesamt sehr freundlich, ein Beispiel: Am Tisch neben uns saßen vier Studenten und ich wollte von Robert wissen, was die wohl essen; er stand auf und fragte sie, ob sie mir etwas abgeben würden was sie auch taten. Sehr, sehr nett. Auch die Köche waren nett und zeigten mir viel in der Küche, einiges wollte ich aber gar nicht sehen … Gut, dann kam das Essen an den Tisch, zuvor der obligate Tee. Dann: Eine Schlüssel mit Fleischkringeln, in Öl gebraten. Eine Schüssel mit Gemüse, Paprika, Kartoffeln, soviel konnte ich erkennen und mehr wollte ich nicht wissen. Eine Schüssel Reis. Und halt Stäbchen man kennt keine Gabeln hier und also übte ich schon einmal für die nächsten zehn Monate, wobei Robert mir wieder half.
Ich schaute aber zuerst auf das Essen. Vor meiner Abreise hatten viele mich auf das Essensproblem angesprochen, doch ich hatte daraufhin immer gesagt, dass dies an sich kein Problem war, denn immerhin sind die ja zivilisiert und so weiter, außerdem isst man ja doch vor Hunger und so weiter. Jetzt aber, mit den Sachen vor der Nase, wurde mir klar, dass die Sache mit dem Essen schon ein Problem ist und kein kleines Problem.
Ich aß: Das Fleisch war zäh und sehnig, doch an sich essbar, keine Frage. Überhaupt hat alles halbwegs geschmeckt. Vor allem das Gemüse … Fred erzählte mir später von einer jungen Frau, die auch als Lehrerin kam eine Vegetarierin. Zwei Wochen hat sie es hier ausgehalten … es geht nämlich nicht. Fisch kann man zum Glück vermeiden, aber Fleisch auf keinen Fall.
Überhaupt halten es wohl einige einfach nicht hier aus was ich aber verstehen kann, denn wenn man daheim von Armut und Entwicklungsland spricht, dann fällt es immer leicht, sich so etwas vorzustellen, doch die Wahrheit ist ganz anders und vor allem: sehr real. Die Schwierigkeit ist wohl, dass ich jetzt nicht einfach sagen kann: Schluss mal für eine halbe Stunde, gehen wir einen Latte trinken es existiert hier nämlich kein Latte, nicht einmal ein Cafe, hier ist alles anders und fremd, kein Ort erinnert an Zuhause. Das drückt wohl aufs Gemüt.
Momentan schwanke ich zwischen Neugier und eine Art Galgenhumor, doch hin und wieder driftet es in linde Verzweiflung ab, was ich aber bisher gut im Griff habe.
Nach dem Essen gingen wir in die Bibliothek übrigens muss ich alles vorschlagen und bestimmen. Danach einkaufen. Hier, im Supermarkt, war es besser: Es gibt Schokolade, es existieren Kekse so teuer, dass Robert doch auffallend still wurde an der Kasse. Auch Adapter für die Steckdose, was mich nun doch sehr erleichtert hat, sehr. Robert erzählte mir, dass seine Eltern pro Jahr 600 Yuan für das Studium zahlen, Essen und so weiter nicht enthalten etwa 60 Euro.
Vor dem Supermarkt kam ein anderer Deutschstudent Alf auf mich zu und erklärte, er hätte meinen Stundenplan und würde ihn mir morgen geben. Ich nickte wieder. Alf und Robert lachten sich dann an und ich fragte nach sie erklärten, dass ich für einen Teacher sehr jung aussähe, eher wie ein Student. Bei Enthüllung meines wahren Alters schluckten sie und konnten es kaum fassen, ich aber drehte mir eine Zigarette. Danach gingen wir in meine Wohnung, Alf bestand darauf, meine Einkäufe zu tragen; dort schalteten wir das Internet frei und hier schreibe ich nun.





March 31st, 2006 at 7:17 am
Hi Roman,spannende Sache,hoffe dein Magen wird diese
“kulinarische” Torturen überstehen.
liebe Grüsse von der Mosel
March 31st, 2006 at 7:18 am
Hi Roman,

weiterhin viel Erfolg im chinesischen Hinterland.
Geiler Bericht und ich hoffe du kommst nicht noch
auf den Hund.
Mit den Chinesinen is auch spassig(was würden die sagen wenn ich da wäre)und du musst Dir doch wie ein
Rockstar vorkommen. Respekt!
Grüße aus dem finstersten Winkel des Hunsrücks
March 31st, 2006 at 7:18 am
alles sehr aufregend, freue mich auf weitere Berichte deiner für 10Monate neuen ” Heimat ” .