Wenn man in Peking ankommt, dann braucht es Nerven. Der Flug jedenfalls ist okay, obwohl die Leute einen hier schon in den Wahnsinn treiben können - sie sind alle sehr laut hier, sehr laut.
Geflogen sind wir in einem Bogen über Russland hinweg, die Wüste Gobi und schließlich China. Man steigt aus dem Flgzeug und wird in einen Bus getrieben, eigentlich ganz normal. Doch dann geht es durch seltsame Gebäude hindurch, die so gar nicht touristisch gefallen wollen: enge Treppenhäuser, überall Polizei, seltsame Stimmung. Aber man geht halt weiter, wohin sollte man auch gehen?
Dann wurden wir in einen weiten Raum gespuckt und alle Chinesen begannen, hektisch Papiere auszufüllen. Ich schnappte mir auch eins und stand rum - niemand erklärt einem hier etwas, nur sehr wenige Leute können ein wenig Englisch. Irgendwann begriff ich dann: Man musste Namen und Adresse in China einreichen, Grund der Reise etc. Hat aber gedauert. Dann durch eine Schleuse und in den nächsten riesengroßen Raum - die Zollabfertigung. Klingt jetzt normal, ist aber schwer, denn eigentlich nicht zu deuten: Wieder Zettel (dies war der Augenblick, in dem ich einen Stift klaute - einer deutschen Frau, die sich die Nase abputzte), wieder keine Ahnung, wieder Chaos. Wie gesagt, es interessiert hier niemanden. Ich füllte auch den Zettel notdürftig - und wütend - aus, ging wieder durch eine Schleuse und stand an der Gepäckabfertigung - fünfzehn Bänder, mein Flug in Laufbändern, natürlich chinesische Schrift.
Nun gut, ich will nicht zuviele Worte verlieren: Irgendwann stand ich dann im Flughafen und rauchte eine Zigarette, drei Kippen um genau zu sein. Tausende Chinesen sprechen mich an, bieten Taxen an und so weiter, man kommt nicht zur Ruhe.
Doch ich muss ja noch nach Changsha - also die Koffer in den Arm und los, Terminal suchen. Nachdem ich den Koffer abgegeben hatte, wollte ich etwas trinken und gehe in ein Lokal - schwerer Fehler: Ich bestelle Kaffee und Wasser, doch die Frau versteht kein Wort - oder tut so - und baut auf meinem Tisch eine Teezeremonie auf, stellt geschnittene Wasser- und Honigmelone dazu, ein Wasser - mein kleiner Tisch biegt sich. Ich sitze ratlos vor dem Tee, doch muss außer trinken gar nichts tun, denn die Bedienung bleibt die ganze Zeit neben mir stehen und schüttet nach jedem Schluck nach - hatte etwas von einem Puff, diese Unterwürfigkeit …
Ich versuche zu lesen, doch natürlich ist das unmöglich. Inzwischen ist es Zeit für eine weitere Zigarette und ich zahle, lasse die Melonen zurück und einige Liter grünen Tee, und rauche draußen vor dem Gebäude, habe so einen Verkehr noch nie gesehen - lebensgefährlich, wirklich. Die Autofahrer hupen ununterbrochen und schreien sinnlos herum, verziehen keine Miene. Mehrere Male habe ich sich anbrüllende Chinesen beobachtet und hoffe zutiefst, niemals in einen Streit zu geraten, denn wenn die streiten, dann richtig.
Im Flugzeug nach Changsha (nach den üblichen Formalien, Visum etc - das Visum will hier tatsächlich jeder sehen, jeder will zudem eine Unterschrift von dir, die belegt, dass du gesund bist) sitze ich zwischen zwei Chinesen und reue so allmählich meinen Plan: Das Essen stopfen sie in sich hinein, schlürfen und rülpsen - vor allem Nießen sie sehr laut und ziehen die Nasen ausgiebig hoch. Im Flieger auch der erste Vorgeschmack auf das chinesische Fernsehen, welches wirklich seltsam ist … doch dazu sicherlich später mehr.
Ich komme in Changsha an und bin platt: Die Luftfeuchtigkeit erinnert ans Hallenbad, sofort klebt alles an mir und auch das Zigarettenpapier ist feucht. Es ist jetzt 19 Uhr Ortszeit und ich schon lange auf den Beinen. Die Kollegen holen mich ab und plötzlich sitze ich mit drei Chinesen in einem alten Peugeot. Wieder reue ich und wieder mal fage ich mich, wohin das führen soll: Die Windschutzscheibe vorne hat einen Sprung. Auf der Autobahn fährt alles, auch Radfahrer, überall Hindernisse, Schuttberge, in der Dunkelheit ein Feuerwerk, beinah rammen wir einen LKW, der so in Deutschland unmöglich hätte fahren dürfen.
Herr Zhao, mein Kollege, reicht mir einen verschmierten Zettel (ich werde den gleich fotographieren), mein Stundenplan.
zettel
Zugleich erklärt er mir, dass ich nun doch mit Fred, dem alten Anglisten, wohnen werde und ich nicke, mir ist es gleich. Wir kommen in Xiangtan an und Zhao verlässt uns, ich bleibe zurück mit Herrn Tang und Robert, einem Deutschstudenten. Wir unterhalten uns, doch er versteht mich nicht - Herr Tang kann scheinbar nur die Nase hochziehen und schnell fahren, ach ja, hupen kann er auch.
Wir erreichen die Uni - es sieht hier so aus wie in Vietnam, anders kann ich es nicht beschreiben: Die Leute sind unglaublich arm und wohnen überall, fahren mit allem und machen alles. Es hat so etwas von einem Slum. Ich werde später Fotos mailen, momentan hatte ich noch sehr wenig Lust und auch keine Zeit. - Herr Tang fährt uns vor das Haus und weiter, ich stehe mit Koffern und Robert auf der Straße, drehe eine Zigarette. Robert fragt mich, weshalb ich soviel lache, ich erkläre, ein fröhlicher Mensch zu sein. Er nickt, hat mich wahrscheinlich nicht verstanden.
Wir finden die Wohnung nicht, plötzlich stehen neun Chinesen um uns rum (ich habe gezählt), eine Frau spuckt eindeutig in meine Richtung, ich denke an Lynchmorde. Nichts klärt sich, ich habe keine Wohnung. Nach einer Stunde schließlich klopfen wir an eine Tür (im fünften Stock eines verwahrlosten Treppenhauses) und Fred öffnet - ein Charles Bukowski wie aus dem Buch. Ich habe eine Wohnung.

Später mehr, denn jetzt bin ich von drei Stundentinnen zum Essen eingeladen, sie kochen hier in unserer Wohnung und Fred starrt ihnen die ganze Zeit schon auf die Hintern. Ich denke, ich werde mich anpassen und das auch tun …