Angekommen
Ja, nach nun vier Wochen kann man sagen, dass ich angekommen bin - und jeder, der mich ein wenig kennt, weiss, dass ich immer etwas Anlaufzeit brauche, eine ausgedehnt Aklimatisierungsphase. Nun gut, ich gebe zu, die hier war schon sehr ausgiebig, was weniger mit der ersten Umstellung und mehr mit meiner Faulheit zusammenhing. Auch war meine Frage die ganze Zeit: Mache ich nun ueberhaupt eine solche Seite - und wenn, fuer wen, fuer was und ueberhaupt: welchen Nutzen, Sinn und Zweck soll so eine Seite haben?
Nach langen Ueberlegungen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass, wie bei vielen Tausend anderen solcher Seiten, die lieben `Daheimgebliebenen` nichts besseres zu tun haben, als das zu lesen, was ich hier so erlebe - also, mach ichs! Bin ja kein Unmensch.
Nun bleibt nur die Frage, wo fange ich an?
Am besten im Hier und Jetzt, sitze also gerade an meinem Schreibtisch, oder zumindest an dem was man so nennt, habe eher das Gefuehl in einer Puppenstube zu sitzen, alles ist klein, alles ist eine Miniaturausgabe. Da werde ich mich wohl nie dran gewoehnen. Spiegel zeigen mich nur bis zur Brust, Stuehle haben im Schnitt eine Sitztiefe von
Aber gut, in Deutschland haben Spuelen und Waschbecken bei mir auch schon immer zu Rueckenschmerzen gefuehrt, also, alles halb so wild. Nun sitze ich an dem Puppenstubenschreibtisch (schoen ist er!), unter den meine Beine nur nebeneinander, nicht aber uebereinandergeschlagen passen. Wir haben den 05. Oktober und Temperaturen, die ich zu dieser Jahreszeit normalerweise nicht kenne. Das Mittagessen habe ich aufgrund der unglaublichen Hitze gestrichen, war zwar schon auf dem Weg, doch der Schweiss lief und die Schritte wurden immer kleiner, der Wunsch einfach nur auf dem Bett zu liegen hingegen immer groesser - also, Mensch hoer auf deine Beduerfnisse, ab nach Hause - gesagt, getan, doch nun, zwei Stunden spaeter, will der Mensch dann doch produktiv werden. Wird auch Zeit, denn auch die chinesische gesetzliche Mittagsruhe ist nun vorbei.
Also, zur Vorbereitung erstmal ein kuehles Getraenk aus der Kueche, es ist Orangensaft und Apfelsaft gemischt, der Fruchtanteil liegt bei mindestens 40%, huijuijui - beim Eingiessen stelle ich fest, dass das ganze nicht so duenn wie erwartet ist und wundere mich ein wenig - woher das Fruchtfleisch? Doch da faellt mir ein, dass mir mal ein schlauer Deutscher verraten hat, dass die Chinesen den Saft mit Hilfe von Saegespaenen verdicken - ha, so verrueckt sind nicht einmal die Chinesen. Aber apropos Ratschlaege schlauer Deutscher, da kam ja so einiges, bevor ich beschlossen hatte, hierher zu gehen, allem voran zwei Einwaende; erstens, die Chinesen haetten keine Toiletten und zweitens, sie haetten auch keine Taschentuecher, nein, nein, sie erledigen ihr Geschaeft am Wegesrand und der Rest wandert in die hohle Hand.
Ja, genau, so mache ich das nun hier auch. Ach ja, und das Essen nicht vergessen… es sei ja furchtbar in China, da muesse man verhungern, es gaebe Innereien, Pferde, Hunde, Insekten und und und - und nur pappigen Klebreis, denn sonst koenne man den Reis mit den Staebchen gar nicht essen …
Nun gut was soll ich dazu sagen? Ueber das chinesische Essen wird viel geredet, nicht nur im Ausland, vor allem auch in China selbst, und gerade die Studenten versichern mir immer wieder gern, dass die chinesische Kueche die beste Kueche der Welt ist, was gerade dann aberwitzig wird, wenn man weiss, dass noch keiner von ihnen selbst ausserhalb Chinas war … Aber gut, ich fuer meinen Teil wiederhole immer wieder gerne, dass ich hier koeniglich gut esse und auch noch nichts Widerliches essen musste.
Wenn man aber nur zum Urlaub herkommt und dann selbstverstaendlich in den Touristenzentren isst, dann bekommt man dort, wie ueberall sonst auf der Welt auch,
etwas als chinesisches Essen verkauft, was es nicht wirklich ist, - da klebt dann der Reis auch tatsaechlich.
Aber zurueck zum Hier und Jetzt - vor der Tuer wird der Rasen gemaeht,
was einen unglaublichen Laerm verursacht, - hm, aber jetzt wirds langeweilig im Hier und Jetzt.
Also, zu meiner allgemeinen Situation.
Momentan sind Ferien, Nationalfeiertag, d. h. die erste Oktoberwoche ist frei, das ist gut, so hat man nach dem anfaenglichen Stress nochmal eine kurze Ruhephase. Nur die Erstsemester werden in dieser Zeit getriezt, gerade hoere ich sie auch … Jeder muss hier zu Beginn des Studiums zur Armee, aber die Armee findet auf dem Campus statt, das bedeutet in den ersten Wochen jedes Semesters sieht man hunderte Soldaten marschieren, schreien, singen, laufen usw. - anfaenglich ein wirklich skurriles Bild, doch nun im zweiten Jahr habe ich mich wirklich daran gewoehnt und finde es eher amuesant. Gerade vorgestern konnte ich einer Gruppe (etwa 100) zusehen, wie sie ihre Liedtexte auspackten und anfingen zu singen, und das natuerlich in Reih und Glied hier auf einem Sportplatz, neben einem Kinderspielplatz. Einige Studenten hoeheren Semesters, kleine Kinder und auch die dazugehoerigen Omas streiften mehr gelangweilt als interessiert durch die Reihen und es war so, als wuerden sie durch einen Wald spazieren gehen und der schoenen Musik lauschen. Skurril wird es fuer einen Auslaender auch spaetestens in dem Moment, in dem ihm eine Studentin in Uniform entgegenkommt, die Dienstzeit ist augenscheinlich vorbei, und unter dem Tarnanzug strahlen einen rosa Flipflops mit HelloKitty-Emblem an. Aber auch diese Zeit ist, soweit ich weiss, anfang naechster Woche vorbei und die Studenten sitzen in den Baenken im Seminarraum. Dann gehts auch fuer mich wieder los.
Dieses Semester unterrichte ich vier Klassen, was ich ein wenig schade finde, denn bei einer Klassengroesse von ueber 30 Studenten faellt das Namenlernen doch ziemlich schwer, zumal ich es immer noch ungewoehnlich finde, dass sich die Chinesen im Unterricht deutsche Namen zulegen. Gross im Rennen sind da die alten Namen wie Elfriede oder Rosalinde etc., was die Situation noch ein wenig grotesker erscheinen laesst.
Ich unterrichte in diesem Semester Konversation, Lesen und Audio-Visuellen-Unterricht, wobei sich letzteres als ziemlich schwierig darstellt, denn die Studenten haben zwar einen super High-Tech-Raum, aber meine Internetverbindung ist so schlecht, dass ich nicht mal kurze Berichte oder Dokus ziehen kann, und woher soll ich denn sonst Material bekommen? Auch die deutsche Bibliothek hier besteht aus gerademal ca. 50 Buechern …
Naja, ich will in den naechsten Tagen mal die grossen deutschen Verlage mit der Bitte um eine Sachspende anschreiben, bin gespannt, ob die was hergeben …
Was die Wohnung angeht, so bin ich wirklich mehr als zufrieden,
Ich lebe nun nicht mehr im Institut, wie es in Qingdao ueblich war, sondern nun in einem normales Wohnhaus. Zwar immer noch auf dem Campus, aber das ist hier wirklich sehr angenehm. Ich arbeite in drei verschiedenen Gebaeuden und der Fussweg ist so annehmbar. Zum Lehrgebaeude 2 brauche ich knapp 15 Minuten und habe einen schoenen Weg.
Die Wohnung selbst besteht aus drei Zimmern und einen grossen Wohnbereich. Wobei wir ein Zimmer nicht nutzen, da es in dem keine Klimaanlage gibt, was den Winter sicherlich unertraeglich macht, denn Heizungen gibt es in der ganzen Provinz nicht. Das Bad ist trotz der chinesichen Toilette (aehnlich der alten franzoesischen Toiletten) mit Handspuelung (Eimer und Schoepfkelle) auch in Ordnung.
Wir haben ein wenig Stuck an den Decken
und die Zimmer haben Holzfussboden.
Nun ja, wenn ich mir das selbst nochmal durchlese, koennte man meinen, wir schwelgen im Luxus, dem ist aber nicht so, bzw. es ist immer eine Frage des Betrachters; gegenueber den Studenten leben wir natuerlich im Luxus, denn sie leben zum Teil mit 10 Kommilitonen in einem Zimmer … aber gegenueber der chinesischen `Mittelstandsfamilie` wohnen wir `normal`. Aber entgegen einiger landlaeufiger Vermutungen lebt man hier als auslaendischer Dozent keineswegs abgeschottet, sondern im Gegenteil, mitten drin, was mir am besten gefaellt, ich will ja doch ein wenig vom chinesischen Leben mitbekommen.
Was meine Chinesisch kenntnisse angeht, so muss ich zugeben, dass ich momentan nicht wirklich viel dafuer tue, bin ein wenig faul geworden … aber nach den Ferien soll ein Kurs starten an dem ich gerne teilnehmen moechte, ich hoffe sehr, dass das auch wirklich funktioniert.
Im Grossen und Ganzen muss ich auch sagen, dass mir hier generell eine groessere Freundlichkeit entgegen kommt, ich habe immer ein wenig das Gefuehl, im Sueden zu sein, wobei `Sueden` den europaeischen Sueden meint, viel mehr Sueden kenne ich ja noch nicht … es ist einfach das entspanntere Leben, es ist locker, es ist laut, es wuselt und bewegt sich, es wird gelacht, auf den Strassen gegessen … Naja, zugegebenermassen ist es manchmal schon ein wenig nervig, wenn man staendig angestarrt wird und man ohnehin genervt ist … aber was auffaellig ist, das ist die Reaktion der Chinesen auf einen genervten Auslaender. Man kann sich hier naemlich gar nicht vorstellen, dass man von solch einem Gestarre genervt ist und wenn man dann ein genervtes `Hello` oder `ni hao` loslaesst, kommt einem selbiger Gruss mit solch einer Freude und einem Strahlen zurueck, meist noch mit der Ergaenzung `nice to see you`, dass man selbst irritiert ist und seine eigene Griesgraemigkeit nun albern und unfreundlich findet. Irgendwie sind das so die kleinen Dinge die ich interessant finde.
Ich denke, einen grossen Teil zu diesem suedlaendischen Lebensgefuehl traegt auch das Klima bei, abends trifft man noch viele Leute auf der Strasse, die Studenten sitzen in den Parks oder an den Seen und die Aelteren tratschen, gehen rueckwaerts spazieren oder spielen Karten. Morgens frueh trifft man viele bei der Morgengymnastik, d. h. entweder machen sie skurrile Klatschuebungen in den Waeldern oder Tai-Chi Uebungen in Gemeinschaft zu chinesischer Musik.
Auslaender sind hier immernoch eine Attraktion und werden meist sehr freundlich begruesst.
Jeder spricht einen gerne an, schaut hinterher oder kichert einfach nur, weil man an ihm vorbeigelaufen ist. Oder Bedienstete laufen aufgeregt zum Kollegen und rufen auf: `der Auslaender hat auf chinesisch `Guten Tag` gesagt!`. Tatsaechlich rechnet kaum jemand damit, dass man als Auslaender hier Chinesisch spricht und ich will ja gar nicht behaupten, dass ich es wirklich spreche, aber das ein oder andere funktioniert dann eigentlich doch, nur wird so wenig damit gerechnet, dass auf einen chinesischen Satz meinerseits auch schon mal der Spruch: `Tut mir leid, ich spreche kein Englisch` kam … Aber ich muss andererseits auch zugeben, dass ich selten damit rechne, dass ein Chinese Englisch mit mir spricht, so dass auch ich oft denke, komisch, von diesem Chinesisch verstehe ich nun wirklich kein Wort.
Von Kollegen habe ich auch schon gehoert, dass auf seine chinesischen Versuche die Reaktion des Gegenuebers folgende war: `Komisch, findest du nicht auch, dass das Englisch des Auslaenders da drueben so aehnlich klingt wie Chinesisch?` … dass das deprimierend ist, brauche ich nun keinem zu erzaehlen. Na, trotzdem versuche ich es meist tapfer weiter und manchmal funktioniert es auch wirklich und mein Tag ist gerettet.
So, und mein heutiger Tag ist auch gerettet, denn ich habe endlich den ersten Eintrag aus Xiangtan fertiggestellt.
